Familienurlaub in Dänemark: Die Griswolds fahren ins BonBon-Land

We tried again: Im Corona-Sommer 2021 nutzten wir das Zeitfenster niedriger Inzidenzen, um mal wieder einen „Urlaub“ „unter uns“ zu wagen. Hier mein Erlebnisbericht. Med venlig hilsen, Euer Clark-Rusty Griswold.

Huiiiii! (Foto: Fabian Soethof / privat)

Dass mein bisher letzter Blogpost über Familienurlaubsversuche bereits eine gefühlt Ewigkeit zurück liegt, hat einen naheliegenden Grund: Wir sind, wie alle von der Coronapandemie und den Gegenmaßnahmen betroffenen privilegierten Menschen, die sich Urlaub überhaupt leisten können, zwei Jahre nicht verreist gewesen. Vermisst habe ich das nur bedingt – wer dieses Blog schon länger verfolgt*, kennt mein realistisches Credo: Urlaub mit Kindern ist der gleiche Stress wie zuhause, nur an einem anderen Ort. Dass aber selbst ich nach Monaten des Lockdowns, Homeschoolings und Kiezbewegungen im Radius von einem Kilometer mal Bock auf einen temporären Tapetenwechsel hatte, rechne ich dem Virus hoch an. Klar, wir haben da jetzt auch diesen Kleingarten namens Freitagshäuschen. Aber der bedeutet bis auf Weiteres ja auch nur mehr Arbeit und noch weniger Entspannung.

Dass wir an die Ostsee fahren, galt lange Zeit als unwahrscheinlich: Erstens gibt es dort selbst im Hochsommer keine Schönwetter-Garantie, deren Fehlen besonders meine Frau stets davon abhielt, Skandinavien zu bereisen. Die zahlreichen Berichte von Freund*innen und Bekannten, wie schön zum Beispiel Dänemark sei, mögen bedingt zur Änderung des Standpunkts beigetragen haben. Entscheidend für unsere letztendliche Buchung waren aber drei andere Gründe: Erstens fanden wir auf AirBnB ein sehr stilvoll eingerichtetes Design-Sommerhaus mit Garten und in Strandnähe, dessen Ästhetik und Interior sogar meine sehr geschmackssichere Frau überzeugte. Zweitens hätten wir diese inmitten des Januar-Lockdowns getätigte Buchung bis fünf Tage vor Urlaubsbeginn stornieren können – in Zeiten einer weltweit anhaltenden Pandemie für Gastgeber*innen offenbar der einzige Weg, um überhaupt Buchungen an Land zu ziehen. Drittens wollten und mussten wir keinen Urlaubsflieger besteigen oder entsprechend teuer canceln: Von Berlin bis zum Rostocker Hafen fahren wir rund drei Stunden mit dem Auto, mit der Fähre setzen wir rund 105 Minuten über, von dänischen Fährhafen Gedser aus liegt unser Ziel bloß 20 Minuten entfernt. Eine Reisezeit, die selbst mit kleinen Kindern machbar ist.

Masken tragen in Dänemark nur die Tourist*innen

Nach einer Zwischenstopp-Übernachtung in unserer Brandenburger Laubenbaustelle und mit Klamotten, Lebensmitteln, Spielsachen, Bettbezügen, Handtüchern und Familienmitgliedern für gefühlt drei Lockdowns randvoll bepacktem Kraftfahrzeug geht die Reise erstaunlich überraschungsarm los: Ein kleiner Stau verzögerte unsere mit genug Puffer geplante Ankunft in Rostock um nur 30 Minuten. So blieb vor Ort genug Zeit, um in der Fährhafen-Parkspur abzuhängen wie so Matrosen ohne Anheuerung und das Logistikspektakel der Be- und Abfahrung der Fährschiffe zu beobachten. Einmal an Bord, verlief das Übersetzen ohne besondere Vorkommnisse. Auf dem stinkigen Deck der „Hybridfähre“ gönnten wir den Kindern Pommes und dänisches Hot Dog (Wurst umpackt von einem 360-Grad-Weißbrot), uns eine Dose Carlsberg und den mitfliegenden Möwen keinen Krümel. Auffällig bei der Einreise mit dem PKW aufs dänische Festland: Es erfolgten keinerlei Grenzkontrollen. Wegen der EU wäre dies eigentlich kein Wunder, wegen Corona aber doch: Am selben Tag unserer Ankunft wurden die Reisehinweise und -vorschriften angepasst. Ohne aktuellen negativen Coronatest oder nachgewiesene Doppelimpfung, so hieß es schon vor Abfahrt, hätte man uns wieder zurück nach Deutschland geschickt. Wir hatten beides, gefragt hat trotzdem niemand nicht nur uns nicht – auch von Stichproben keine Spur. Diese gefühlte Leichtigkeit in einer Pandemie, die offenbar nur vorsichtige Touris wie uns bedrückte, führte sich im Supermarkt fort: Wir waren die einzigen, die Masken trugen. Und das in einem Land, in dem zumindest Teile Tage vorher wieder zu Risikogebieten ernannt wurden.

Das Ferienhaus war noch schöner als gedacht: Gelegen inmitten einer weitläufigen grünen Sommerhaussiedlung und nur über sehr verkehrsberuhigende Schotterwege für Anwohner*innen und Besucher*innen erreichbar, hielt unsere Herberge in der Realität ausnahmsweise mal das, was ihre Fotos versprachen. Bevor ich mir mit meinem nicht vorhandenen Architekturvokabular einen vom Jägerzaun breche, zeige ich Euch einfach unsere Fotos – meine bitte durchklicken und für Interior-Eindrücke meiner Frau auf Instagram folgen:

Fast so kinderfreundlich wie das Haus gestaltete sich der Weg zum Strand: Als Erwachsener hätte man ihn zu Fuß in fünf Minuten erreicht – mit lauffaulen Kindern (und Strandzeug im Gepäck) dauerte es manchmal trotzdem so lange, dass wir Umweltsünder uns für eine Minute ins Auto setzten. Trotz Feriensaison war am kilometerlangen Sandstrand von Marielyst stets so viel Platz, dass es nur die deutschesten Touris (NICHT WIR) als notwendig erachteten, sich mit Kind und Kegel nur zwei Meter von uns entfernt breit zu machen. Wenn der Wind nicht gerade so stark war, dass er Wellen und Strömung an die Küste trieb, war der Einstieg in die Ostsee so lange so flach, dass wir uns trauten, unsere zwei Nichtschwimmerchen – mit Schwimmflügeln ausgerüstet – vorne allein im Wasser zu spielen und rumplanschen zu lassen.

Das dänische Wetter gestaltete sich exakt so, wie sein Ruf: Innerhalb der einen Woche Urlaub hat es für immerhin zweieinhalb Tage Strand gereicht – zumindest Wasserratte Kid A aber hielt selbst Regen, Wind und entsprechende Kälte nicht ab, am liebsten Stunden IM Meer zu hocken. Unter Protest leisteten wir diesem Wunsch nicht folge, vertrieben uns die Zeit stattdessen mit kleinen Trips in den Ortskern, dessen einzige „Attraktionen“ neben Restaurants und einem steilen Aussichtstürmchen fußballgroße Kugeln Eis, Greifarmautomaten für die Spielsüchtigen von Morgen und ein paar Fahrgeschäftchen waren sowie in eine Nachbarstadt, die immerhin mit einer Fußgängerzone mit (zu vielen) Spielwarenläden aufwartete. Wer schon mal mit Kindern einen Städtetrip gewagt hat, weiß: Das nervt, an entspanntes Bummeln und Schlendern ist nicht zu denken, ein Tagestrip nach Kopenhagen stand bei uns schon deshalb gar nicht erst zur Debatte.

Die Griswolds kommen

Dafür hegten wir einen anderen großen Plan, der selbst die Kinder bei Laune hielt. Mama und Papa versprachen ihnen in einem Anflug von Leichtsinn: „Okay, wir fahren ins Bonbonland!“ Was das ist, wussten wir selbst nicht so genau. Auf der Fähre bewarb ein Flyer diesen „Vergnügungspark für die ganze Familie“ und lockte mit 25 Prozent Rabatt auf den Ticketkauf. Ich gebe zu: Nie fühlten meine Frau und ich, die wir große Fans von Chevy Chases „National Lampoon“-Filmkomödienreihe und der „Die schrillen Vier auf Achse“-Neuauflage „Vacation – Wir sind die Griswolds“ sind, der chaotischen Familie Griswold näher. Wir dachten: Das wird unser Wally World! Nur, hoffentlich, ohne Pannen und tote Omas.

Was soll ich sagen: Unsere Reise ins Bonbonland war denn auch wirklich das fragwürdige Highlight unseres jüngsten Familienurlaubsversuchs. Vormittags gegen 10:30 Uhr kamen wir an, getestet und geimpft sogar rein, und zehn Minuten später hockten die Kinder und meine Frau im ersten Fahrgeschäft, einer süßen kleinen Raupe für Ü-Dreijährige. Das wird ein entspannter Tag, so dachte ich – ein Trugschluss, natürlich. Die ersten zwei Stunden machten uns allen, also sogar den Eltern, Spaß: Als nächstes fuhren wir mit einer deutlich schnelleren Drachen-Raupenbahn, die zwar ebenfalls für Kinder ab 1,20 Meter ausgelegt war, mich aber bereits an den Rande des Erträglichen brachte: Seit ich vor rund zehn Jahren mit meiner Frau bei den Berliner Maientagen in der Hasenheide eine Runde „Jet Force“ kreidebleich und kotzübel überlebte, habe ich mich in kein Fahrgeschäft mehr gesetzt, was wilder als eine Bummelbahn wird. Mir wird seit Ewigkeiten sogar schon schwindelig, wenn ich mit dem Rücken auf dem Boden liege und meinen Kopf nach hinten kippe. Danke für nichts, Unsportlichkeit und Schreibtischarbeit!

Noch einmal entspannt wurde es auf der schnarchlangweiligen Bootsfahrt durch eine überholte Landschafts- und Länder-Kulisse, deren Ameisenfiguren unglücklicherweise wie die Darstellung von Schwarzen in Disney-Filmen vor 80 Jahren aussahen. Auch ich hatte kurz Spaß, als ich meiner Familie meine Basketball-Skills präsentieren und sechsmal auf einen Korb werfen wollte, um bei nur einem Treffer ein riesengroßes Plüschtier zu gewinnen – und natürlich schon deshalb nicht einmal traf, weil a) durch eine abgehängte Netzdecke keine Flugkurve möglich war und b) die Körbe nur von vorne rund aussahen, von der Seite aber oval, also gestaucht. Da hätte ich mein Geld gleich irgendwelchen Hütchenspielern in den Rachen werfen können!

Der anstrengende Restteil des Tages begann: Käsemaus, große Achterbahn (ohne Loopings), Wasserrutsche, Kraken-Karussell, Schwäne-Tretbahn, Greifautomaten, Kettenkarussell, Goldschürfen im Wilden Westen – kein Gerät, kein Angebot, das die Kinder nicht mindestens drölfmal auschecken wollten. Viele von den „Attraktionen“ gelten wohl seit 30 Jahren nicht mehr als State-of-the-Art, waren aber zum Glück auch nicht so veraltet, dass man Angst um sein Leben hätte haben müssen oder Fans der maroden und verlassenen Plänterwald-Vergnügnungsparkruine in Berlin-Treptow ins Staunen kämen. Trotzdem: Wir Eltern konnten bald nicht mehr und machten dennoch mit, was tut man nicht alles für die lieben Kleinen. Die beschwerten sich natürlich trotzdem, als wir nach sieben (!) Stunden dem Bonbonland Lebewohl sagten. Erschöpft fuhren wir zurück in Richtung Sommerhaus und legten noch eine Zwischenstopp bei einer gar nicht mal allzu überteuerten Touri-Pizzeria im Ort ein. Das hatten wir uns nun wirklich alle verdient. Und immer dann, wenn ich auch auf der schließlichen Rückfahrt zwei Tage später von Dänemark über Rostock und unsere Kleingarten-Baustelle bis nach Berlin-Kreuzberg fast die Nerven verlor, weil immer jemand meckerte und auch dieser Urlaub erneut kein wirklich entspannender (aber vergleichsweise okayer) war, summte ich leise oder laut Seals „Kiss From A Rose“ vor mir her, wie es Ed Helms als „Idiot Dad“ Rusty Griswold in „Vacation“ tut.

Danke, geht schon wieder!

*Falls Euch näher interessiert, wie unsere vergangenen Reisen mit Kind/ern so verliefen, bitte hier entlang. Sagt nicht, ich hätte Euch nicht gewarnt:

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