Über Oma Mia

Ein paar erinnernde Worte*: Meine Kirchenrede zum Tod meiner Großmutter, der Uroma unserer Söhne. Am 12. September 2020 wäre sie 84 Jahre alt geworden, starb aber am 2. Mai 2014 mit 77 Jahren – keine fünf Monate nach ihrem Mann Herbert. Die Coronakrise müssen beide nicht mehr miterleben.

„Ouzo für alle!“ Meine mittlerweile verstorbenen Großeltern am Abend vor unserer Hochzeit 2012

Schon die Zahlen sprechen für sich: 77 Jahre. Fünf Geschwister – Heinz, Helmut, Wilma, Luzi und Gerda. Einen Mann ihres Lebens: Herbert. Gemeinsame sieben Kinder, sechs Schwiegerkinder, elf Enkelkinder, zum Zeitpunkt ihres Todes einen Urenkel (heute sind es drei). Mal abgesehen davon, dass wir alle nicht nur ohne Oma Mia gar nicht da wären, wir wären auch andere Menschen.

Ich behelfe mir für den Anfang mit Zahlen, weil in Worten nur schwer zu fassen ist, welche Lebensleistung Oma erbracht hat, was sie für uns alle bedeutet hat, und weil Zahlen im Leben von Maria Emmers, unserer Mutter, Oma, Uroma, Schwiegermutter, immer eine gewisse Rolle gespielt haben, wenngleich natürlich keine wichtige. Während Herbert, den die junge Maria aus Straelen 1954 während ihrer Metzgerlehre kennenlernte, sich tagein tagaus um die Geschäfte der Firma Emmers sowie um die verschiedenen Baustellen der Kinder oder um die Feuerwehr kümmerte, kümmerte sich Oma Mia um den Laden in der Venloer Straße 4, ihren Laden, den sie für rund 40 Jahre schmiss. Kümmern ist das richtige Wort, denn er war auch ein Hobby für sie, als die Kinder nach und nach das Haus verließen und die Enkel noch nicht so zahlreich da waren wie heute. Eine meiner vielleicht prägendsten Erinnerungen als erstes Enkelkind, deswegen erwähne ich es, ist nämlich eben dieser Laden. Wie oft ich hinter die Ladentheke lief und nach Batterien für meinen Game Boy, Walkman oder mein ferngesteuertes Auto fragte – ich weiß es nicht mehr. Immer bekam ich welche, und manchmal auch Luftballons oder Kleingeld fürs Sparschwein. An den Haushaltsgeräten und all den Vasen und Töpfen war ich weniger interessiert.

Natürlich erinnere ich mich an Vieles mehr. Daran, wie ich mit ihr und Opa auf der Couch fernsah, vom „Glücksrad“ über „Wetten, dass …?“ bis „Alles, Nichts, Oder?“, das ganze alte Programm. An ihr Essen. An das Portemonnaie rechts oben neben dem Kühlschrank, aus dem ich immer wieder mal ein Taschengeld bekam. An diese kleine Orgel, die unter der Treppe zum späteren Wintergarten stand. Daran, dass sie mich immer Männlein nannte – übrigens auch noch, als ich schon über 18 war, glaube ich.

Oma Mia ein paar Wochen vor ihrem Tod mit Kid A

Mit solchen Erinnerungen aber bin ich natürlich nicht allein, Ihr wisst ja von all den anderen Kindern und Enkelkindern. Auch die erinnern sich an Omas Kochkünste – Nils zum Beispiel vor allem daran, dass er immer essen kommen konnte, aber nur, wenn er „mal um Punkt 12 Uhr Hunger hatte“. Sie erinnern sich an Suppen am Samstagmittag, an gemeinsame Radtouren oder Ausflüge in Freizeitparks. An die kalte Schokolade im Kühlschrank. An die Kreuzworträtsel, von denen keines vor ihr sicher war. An Marzipangeschenke zu Weihnachten. Ans Kirmesgeld. An Omas Liebe zu Orchideen. An das Plattdeutsch, das sie hin und wieder sprach und zumindest die Enkel dann kaum ein Wort verstanden. Vor allem aber: an ihr Lachen. Ihren Humor, ihren Frohsinn, ihre Scherze, um die sie nie verlegen war.

Nele etwa erinnert sich: „Einmal hat mich Oma vom Tennis abgeholt, und ist direkt vor die Halle gefahren, wo man eigentlich nicht parken darf – das war mir schon peinlich – und dann brauchte sie noch zehn Minuten zum drehen. Alle haben uns doof angeguckt, mir war das soo peinlich. Aber Oma wollte nur, dass ich nicht so weit laufen muss, weil es Winter war. Also wollte sie nur das Beste für mich und im Nachhinein musste ich auch lachen.“ Und auch ganz besonders daran erinnern sich nämlich alle gerne: wie hilfsbereit Oma immer war. Für jeden Einzelnen, zu jeder Zeit. 

Es gibt aber auch eine andere Zahl: 27.12.2013, oder: rund fünf Monate. An diesem Datum, vor dieser Zeit starb unser Vater, Opa, Uropa, Schwiegervater, Freund und Oma Mias Mann Herbert. Dieser Tod kam plötzlich, und wahrscheinlich fühlten wir alle, die wir wieder hier beisammen sitzen, ein kleines Déjà-Vu, als wir vom Tod von Oma Mia hörten. Auch jetzt gerade sehe ich persönlich Oma Mia nahezu noch vor mir sitzen, da vorne in der zweiten Reihe, wo sie vor eben jenen fünf Monaten saß, als Opa, ihr Mann für über 54 Jahre, am 6. Januar 2014 beerdigt wurde. Einen Unterschied gibt es dennoch: Das kam nun nicht ganz so überraschend – weder für uns noch für sie.

Schon vor Opas Tod lag sie im Krankenhaus, danach hatten wir Angst, sie käme aus der Reha gar nicht mehr raus. Sie fing sich ein wenig, mal so, mal so, mal zuhause, mal nicht, mal wollte sie mehr, oftmals aber weniger, und wir alle hofften, sie würde es packen, wie sie vor ein paar Jahren schon mal wieder gesund wurde, plötzlich, nach längerer Krankheit. Diesmal war es aber nicht nur etwas Körperliches: Nach über einem halben Jahrhundert gemeinsamem Eheleben ging mit Opa nicht nur ihr Ehemann, sondern, trotz der großen Familie, ihr wohl wichtigster Bezugspunkt, ihre größte Konstante. Mit ihm hatte sie den Großteil ihres Lebens gemein – nur an Opas Körpergröße kam sie mit ihren maximal 1,55 Meter nie heran!

Am Tag vor ihrem Tod sagte sie: „Ich will nur noch in den Himmel, nur die Flügel fehlen mir. Dieser letzte Wunsch wurde ihr erfüllt, und immerhin darüber freue ich mich sehr: Sie ist jetzt endlich wieder mit ihrem und unserem Herbert vereint.

Danke für alles, Oma Mia.

(*Dieser Text wurde im Namen der Enkel- und Urenkelkinder verfasst und in geänderter Fassung während der Beerdigung am 9. Mai 2014 vorgetragen)

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