„American Vandal“ auf Netflix: Parodie mit Moral, die sich Schüler und Eltern gemeinsam ansehen können

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Erst Mockumentary, dann Dramedy: Die zwei bisherigen Staffeln der urkomischen Netflix-Serie „American Vandal“ nehmen mit Pimmelbildern und Massendurchfall vordergründig ein anderes Serien-Genre auf die Schippe – und beleuchten hintergründig Alltag und Probleme von Schülern in Zeiten von Social Media.

Hauptfiguren in Staffel 1 von „American Vandal“: Schulzeitungsreporter Peter Maldonado und Schulclown Dylan Maxwell (Foto: Netflix)

Hauptfiguren in Staffel 1 von „American Vandal“: Schulzeitungsreporter Peter Maldonado und Schulclown Dylan Maxwell (Foto: Netflix)

Angefangen hat „American Vandal“ von Dan Perrault und Tony Yacenda in Staffel 1 als Parodie auf das inflationäre True-Crime-Genre: An der Hanover High School, irgendwo in Kalifornien, hat jemand Pimmel auf etliche Lehrerautos gesprüht. Der Hauptverdächtige ist schnell ausgemacht: Dylan Maxwell ist nicht nur der mutmaßlich größte Idiot an der Schule, er zeichnet auch seit Jahr und Tag dicks auf Tafeln, Schulschränke, Tische und Hefte. Er lädt Prank-Videos auf YouTube hoch. Er könnte es gewesen sein. Ein Motiv hätte er, ein Mitschüler will ihn zudem bei der Tat gesehen haben. Und auf dieser Aussage stützt sich nun der gesamte Prozess gegen ihn.

Die Schüler und Hobby-Journalisten Peter Maldonado und Sam Ecklund (Tyler Alvarez und Griffin Gluck) gehen mit Kameras dem hanebüchenen Kriminalfall minutiös nach. Sie sprechen im voice-over aus dem Off, kommentieren, verbinden Fotos von Verdächtigen mit roten Fäden, lassen die Zuschauer an ihrer Spurensuche teilhaben. Sie wollen Dylans Unschuld beweisen, zumindest hofft Dylan das, entdecken Ungereimtheiten und etliche Verdachtsmomente gegen andere Schüler, die es gewesen sein könnten. Im Verlauf von „American Vandal“ zeigt sich: Fast jeder hat ein Motiv und eine eigene Agenda, nicht jeder hat ein Alibi. Die Schule will ihren Buhmann abstempeln, auch Mitschüler sind um ihren Ruf bemüht.

Wer „Making A Murderer“ noch nicht gesehen hat: Die Ähnlichkeiten sind zum, pardon, Totlachen. Dort geht es um den (echten) Fall des Stephen Avery, der möglicherweise unschuldig in Haft sitzt – für den Mord an einer Fotografin, den er möglicherweise nicht begangen hat. Auch dort haben die Ankläger lange nichts als Verdachtsmomente in der Hand (Avery saß schon mal im Knast und ist nicht der hellste Stern in Manitowoc Country), handfeste Beweise fehlen bis heute. Auch dort gehen zwei Filmemacherinnen dem Fall nach. Eine zweite Staffel startet im Oktober, im Kern wird es noch immer um die Frage gehen, ob Avery und sein Neffe Brendan Dassey die Tat begangen haben oder nicht.

Das Verbrechen, mit dem „American Vandal“ beginnt: Irgendwer hat Pimmel auf Lehrerautos gesprüht (Netflix)

Das Verbrechen, mit dem „American Vandal“ beginnt: Irgendwer hat Pimmel auf Lehrerautos gesprüht (Netflix)

So urkomisch und smart Staffel 1 von „American Vandal“ daherkommt, so ernst ist ihr Hintergrund, der in der letzten der kurzweiligen acht Folgen beeindruckend in den Vordergrund rückt: Dylan, zwischenzeitlich freigesprochen, crasht eine Hausparty von Mitschülern. Alle klatschen mit ihm ab, aber ihm dämmert, was jeder andere längst weiß: „Sie halten mich für blöd. Von den meisten kenne ich nicht mal die Namen. Aber ich bin nicht dumm. Ich bin vielleicht nicht booksmart. Aber ich bin streetsmart.“ Dylan ist, ob schuldig oder nicht, stigmatisiert. In der Schule wird er den Ruf als prankender Trottel nicht mehr los werden. Als Peter und Sam ihn schon in der ersten Szene der ersten Staffel vor laufender Kamera fragen, wie er heißt und wer er ist, weiß er keine Antwort: „Ich heiße Dylan Maxwell und ich bin… keine Ahnung, Dude, ich bin doch nur Dylan. Was meint Ihr mit ‚Wer bin ich?‘, das ist eine doofe Frage!“ Mit der selben Szene endet die Staffel. Aus dem Off kommentiert Maldonado aber jetzt: „Er hat recht. Das ist eine dumme Frage.“

Und genau dieses Staffelende von „American Vandal“, die Moral dieser nahezu perfekt geschriebenen und produzierten Geschichte, sollte jedem Schüler Hoffnung machen: Du magst in deiner Schulzeit als Streber, Proll, Arschloch, Sportskanone oder sonst was dastehen, du wirst eventuell gar gemobbt und siehst kein Ende – nach der Schule werden die Karten neu gemischt. Du kannst alles sein. It gets better.

„American Vandal“, Staffel 2: Die ganz große Scheiße

In Staffel 2 von „American Vandal“ wird ein anderer, genau so bekloppter Fall ausgeleuchtet: An einer Highschool im US-Bundesstaat Washington hat ein Unbekannter die Limonade der Schulkantine vergiftet und für einen Massendurchfall gesorgt. Auf Instagram nennt er sich „The Turd Burglar“ („Scheiße-Verbrecher“), repostet Videos von vollgeschissenen Schülern und kündigt weitere Taten an. Ein klarer Fall für Maldonado und Ecklund, deren, äh, Spürnasen sich herum gesprochen haben, nachdem – Achtung, meta – Netflix die Rechte an „American Vandal“ gekauft hat.

Noch stärker als in Staffel 1 geht es jetzt um den guten Ruf der Schule, den ihrer Basketballstars und um soziale Medien. Als parodierte True-Crime-Show muss neben „Making A Murderer“ und dessen Protagonist Brendan Dassey nun die Doku über „Amanda Knox“ herhalten: Der Schüler Kevin McClain legt ein Geständnis ab, das in Wahrheit keines ist – ihm fehlt Täterwissen, das ihm die Polizisten in den Mund legen, um schnell einen Schuldigen zu haben. Suspendiert wird er trotzdem; auch hier finden Maldonado und Ecklund bald heraus, dass es diverse Verdächtige und Motive gibt. Mit jedem neuen Schlag des „Turd Burglar“ wird die Lage jedoch undurchsichtiger und die acht ebenfalls kurzweiligen Folgen nicht unbedingt spannender als die der ersten Staffel – aber das Ende hat es in sich.

Verraten sei so viel: Der „Turd Burglar“ wird enttarnt, und so niederträchtig seine Taten auch gewesen sein mögen – die empfundene Ungerechtigkeit, die seinem Motiv zugrunde liegt, ist nachvollziehbar, die Logistik seines Planes nahezu genial. Ohne Instagram hätte er seine Taten nicht nur nicht bewerben, verbreiten und ankündigen, er hätte sie auch nicht durchführen können.

Und die Moral von der Geschicht‘

Warum ich all das aufschreibe?

Weil mir als Vater zuletzt das US-Teenager-Drama „Tote Mädchen lügen nicht“ – von echten Geschichten aus Berliner Schulen ganz zu schweigen – Angst vor der Zeit gemacht hat, in der meine Jungs zur Schule gehen werden, wir sie nicht mehr rund um die Uhr beschützen können, sie auf sich selbst gestellt sind und keiner weiß, ob sie beliebt, unbeliebt, Opfer oder Täter oder, hoffentlich, nichts von beidem werden. „American Vandal“ macht mir in dieser Hinsicht Hoffnung, auch mit Rückblick auf meine eigene Schulzeit: Solange das Selbstbewusstsein und die Social-Media-Mündigkeit nur gesund genug sind, kommt man durch die Schule durch (dass das nicht das Hauptziel sein sollte, ist ein sehr wichtiges, aber anderes Thema). Zudem ist die Moral von dieser zweiten „American Vandal“-Geschichte die, dass Instagram und Co. kein Fluch sein müssen. Zumindest nicht ausschließlich.

„Wir sind die erste Generation, die zweimal lebt“, resümiert der fiktive Filmemacher Maldonado, selbst noch ein Teenager, im Finale der zweiten Staffel. „Unsere Existenzen sind gleichzeitig selbst erlebte sowie kuratierte, präsentierte, aufpolierte – zu unserem eigenen Schutz. Digitale Schlösser, die aus Bits, Bytes und Pixeln bestehen. Mauern, die aus Nullen und Einsen gebaut wurden. Der Täter sah diese Mauern als Masken und erschuf den ‚Turd Burglar‘ um zu beweisen, dass hinter diesen Masken alle Menschen full of shit seien. Es wäre einfach, seine Botschaften als Auswüchse eines Verrückten abzutun. Wenn nicht so viel Wahrheit drinsteckte. Wir alle erschaffen Versionen von uns selbst. Um als Kurator unserer eigenen Geschichten dazustehen. Um den Anschein zu erwecken, man selbst säße auf dem Fahrersitz. Aber Dinge vorzugeben, machen aus uns nicht gleich Plastik. Vorstellung ist das, was uns menschlich macht. Es erlaubt uns herauszufinden, welche Version von uns selbst am besten passt. Wir sind die schlechteste Generation aller Zeiten. Wir sind nur die meist exponierte. Wir leben in einem Dauerzustand aus Feedback – und Urteil. Vielleicht sind Masken also nur Werkzeuge, um diese Zeit zu überleben. Vielleicht bescheren sie uns eine schmale Schutzschicht. Und damit einen Ort zum Wachsen, Entdecken, Neuerfinden. Der wichtige Teil ist es, Menschen um sich herum zu haben, die dich ohne Maske kennen und froh damit sind, wie du darunter bist.“ Amen!

„American Vandal“: Staffel 1 ist seit dem 15. September 2017 auf Netflix im Stream zu sehen, Staffel 2 seit dem 14. September 2018

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