Kinder an Tablets: Faisal Kawusi basht Eltern, ohne irgendeine Ahnung zu haben

Viralvideo: Der Komiker könnte jedesmal „kotzen, wenn ich Kinder im Restaurant mit iPad sehe“. Vielen Eltern gefällt sein Rant nicht. Aus nachvollziehbaren Gründen.

Offenbar Neurobiologe, Pädagoge, Hellseher – und Astronaut: Faisal Kawusi (Foto: PR / Mischa Lorenz)

Der Komiker Faisal Kawusi fällt nicht zum ersten Mal als populistischer Polemiker auf. Als Gast in der YouTube-Talkshow „Deep und deutlich“ von Funk, dem Content-Netzwerk von ARD und ZDF, hat er sich vor rund zwei Monaten als Opfer seiner Scherzchen nun eine Gruppe ausgesucht, die seit Beginn der Coronapandemie noch mehr als davor vor einer Zerreißprobe steht: Eltern und Kinder – also solche, die trotz ihrer quantitativen Relevanz in Deutschland noch immer keine Lobby haben, Stichwort #Coronaeltern. Kann er machen, einige Lacher kriegte er dafür auf seine Seite, und offenbar nicht umsonst heißt seine neue Tour „Politisch INkorrekt“. Muss man sich dann aber drüber aufregen dürfen, zumal die Aussage ja gar kein Scherz war.

Der 30-Jährige, der selbst, so glaube ich, noch keine Kinder hat, regt sich im Gespräch über Kinder auf, die im Restaurant am Tisch ihrer Eltern mit einem Tablet spielen. Er könnte „jedesmal kotzen“, wenn er das sehe. Kawusi, offenbar Neurobiologe, glaubt zu wissen: „Das ist das Schlimmste, was du einem Kindergehirn antun kannst!“ Es sei ein Irrglaube und „Bullshit“, dass Kinder am Computer lernen würden. Sie seien von Natur aus Wissenschaftler, die spielen und auch mal „mit dem Kopf vor die Wand knallen“ müssten, damit sie lernten, dass das wehtue – und nicht etwa Helme tragen, wie er bereits auf Spielplätzen beobachtet hätte. Ein Tiefpunkt seines Monologs ist dabei der Satz: „Stärke entsteht durch Schwäche“. Was er damit mutmaßlich sagen will: Kinder müssen richtig hart einstecken, damit sie irgendwann mal austeilen müssen.

Was ich aus eigener Erfahrung sagen kann: Eltern, die überhaupt dem Leichtsinn erlegen sind, mit kleinen Kindern einen Restaurant ohne Spielecke zu besuchen, sind froh über jede Minute, in dem ihrem Nachwuchs nichts vom Teller fällt, niemand rummault und siehe zur Abwechslung mal warmes Essen zu sich nehmen können, das nicht aus Nudeln mit Tomatensoße besteht. Gönnt ihnen diese kurze Auszeit. Ihr wisst nicht, was vor dem Tablet geschah, Ihr wisst nicht, was danach geschah. Ihr habt keine Ahnung, ob der Fünfjährige heute schon auf Bäume kletterte oder ob sein Vater ihm vorlas oder seine Mutter mit ihm Lego baute. Don’t judge other parents by its cover.

Ich bin freilich nicht der Erste, der Kawusis Aussage geringschätzt, vielleicht sogar der Letzte. Das zeigen auch die Kommentare unter dem Video, das auf dem Instagram-Kanal von „Deep und deutlich“ erst jetzt, am 22. Februar 2022 und damit Wochen nach der eigentlichen Ausstrahlung der Show (Thema: Einsamkeit) gepostet wurde und prompt viral ging. Autorin und Digitalexpertin Patricia Cammarata etwa schrieb, dies sei ein Symbolbeitrag zum Thema „Meinung haben“ vs. „Ahnung haben“: „Dieser Beitrag vereint Elternbashing mit Kulturpessimismus und erzeugt damit maximal viele Reaktionen. Herzlichen Glückwunsch ans Social Mediateam!“

Eszter Jakab, unter anderem Autorin auf Kaiserinnenreich.de, wiederum kommentiert unter ihrem Usernamen @polyeszterbindung: „Ist manchmal besser nichts zu sagen, wenn man von etwas nur wenig Ahnung hat. Also nur zu deiner Information: Auch hier gibt es Kinder mit Behinderung. Kinder für die es z.B. lebensnotwendig ist, einen Helm zu tragen. Kinder, die über ein Tablet kommunizieren. Kinder, die sich mit Hilfe von Tablet beruhigen in neuen Umgebungen. Diese Eltern, die du vielleicht als Helikopter-Eltern bezeichnen würdest, sind oftmals Eltern die verzweifelt um ein bisschen Inklusion und Teilhabe für ihr Kind kämpfen. Und die Bedingungen für Kinder in anderen Ländern und die Bedingungen von Kindern hier relativieren sich nicht. Du hältst hier kein Plädoyer für mehr Zusammenhalt. Im Gegenteil. Du schließt mit solchen Aussagen aus.“

Jasmin Dickerson, die ich auch für mein Buch interviewt habe, schreibt: „Hier wird jetzt viel (zu Recht) argumentiert, dass Kinder mit verschiedenen Behinderungen evtl. Ein Tablet brauchen. Aber ich möchte als Mutter eines behinderten Kindes sagen: Ich finde es auch total ok wenn Kinder ohne Behinderung und ohne besondere Rechtfertigung vielleicht mal im Restaurant vorm Tablet sitzen. Es gibt eine Million Gründe dafür. Bei Behinderten Kindern wie bei nicht behinderten Kindern. Und ja wisst ihr was, ich bin am laufenden Band von Kindern oder deren Lautstärke genervt. Das bedeutet aber nicht dass mir die Welt schuldet, dass deren Eltern so handeln müssen, dass ich mich jederzeit in deren Anwesenheit wohl fühle. Es gibt Grenzen. Die sind aber nicht da erreicht wo Kinder die ich nicht kenne einen Helm tragen oder ein Tablet benutzen.“

Und Anne Dittmann fasst sich kurz und greift Kawusis Wortwahl auf: „Ich könnte jedes Mal kotzen, wenn ich ins Internet reinkomme und sehe, wie son Typ über etwas herzieht, von dem er keine Ahnung hat.“

In einem Punkt gebe ich Faisal Kawusi dennoch recht: „Das Schulsystem ist für’n Arsch“, sagt er in einem Halbsatz seines Rants. Aber das ist ein anderes Thema.

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