„Väter dürfen nicht aufhören, über ihre neue Rolle zu reden“

Jonas Leppin vom neuen „Spiegel Online“-Podcast „Drei Väter“ im Interview über überholte Selbst- und Fremdwahrnehmung, Elternblasen und das ewige Ding mit der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie.

Einer von drei Vätern, die im Podcast „Drei Väter“ über ihre Rollen reden: Jonas Leppin, 35, aus Hamburg (Foto: Sebastian Schneider)
Einer von drei Vätern, die im Podcast „Drei Väter“ über ihre Rollen reden: Jonas Leppin, 35, aus Hamburg (Foto: Sebastian Schneider)

Das da oben ist Jonas Leppin. Jonas ist 35, Vater einer knapp zweijährigen Tochter, lebt in Hamburg und arbeitet als Chef vom Dienst bei „Spiegel Online“. Zusammen mit den Journalisten, Radiomoderatoren und Väterfreunden Axel Rahmlow und Markus Dichmann hat Jonas sich im Frühjahr aufgemacht, die Podcastszene zu bereichern: Im „Spiegel Online“-Podcast „Drei Väter“ sprechen sie seit dem 5. März in bisher fünf von acht durchproduzierten Folgen „nicht über Kinder- oder Familienthemen“, sondern über die Väterrollen – so zumindest ihr Ansatz.

Wie ihnen das bisher gelingt, welches Lob und welche Kritik sie dazu erreichte und was sie durch das Sprechen darüber über sich selbst gelernt haben? Habe ich Jonas am Telefon gefragt, als er tagsüber ein freies Stündchen fand: Freundin arbeiten, Tochter im Kindergarten, Spätschicht beginnt erst um 16 Uhr. „Einer der selten gewordenen Zeiträume, in denen man plötzlich doch kurz Zeit für eine neue Serienfolge, joggen oder die Steuererklärung findet“, wie er zu Beginn des Gesprächs sagt.

Wer zur Hölle braucht einen weiteren Podcast, Jonas?

Jonas Leppin: Ich verstehe einerseits die Aufregung darüber, dass angeblich alle heutzutage einen Podcast aufnehmen. Andererseits ändert sich doch nur die Transportfläche. Es gibt gute und schlechte Texte und gute und schlechte Podcasts. Aber ist doch egal, lasst ruhig alle Leute podcasten und das Publikum entscheiden, was es hören will.

Habt Ihr vorher etwaige Konkurrenz beobachtet?

Wir haben durchaus journalistisch gedacht bei der Konzeption. Unsere Idee ist: Wir machen keinen Familien- oder Kinderpodcast. Wir schauen uns die Vaterrolle an. Wie sieht die männliche Perspektive beim Elternsein aus? Von der haben wir auf dem Markt nicht viel gesehen. Du?

Es gibt die drei Kölner von „Ich bin dein Vater“, die frei von der Leber weg plappern. Das Elternmagazin bietet einen Väterpodcast namens „Papalapapp“ an. Und noch wenige andere.

Mir fällt noch „Beste Vaterfreuden“ ein. Wir wollten aber keinen weiteren reinen „Drei Typen labern“-Podcast machen. Wir sind Journalisten und möchten auch andere Perspektiven, Menschen und Meinungen einholen. Wir sagen zum Beispiel nicht: „Gefühlt gehen so und so viele Männer mit zur Geburt“. Wir haben Zahlen und Fakten vorher nachgelesen oder gehen raus und fragen nach. 

War der Podcast Eure Idee oder die von „Spiegel Online“?

Als all diese Podcasts aufkamen, fanden wir das Format grundsätzlich spannend. Wir fragten uns: Welches Thema beschäftigt uns gerade wirklich? Worüber reden wir? Wir waren alle gerade Vater geworden, da lag das Thema sofort auf der Hand. Reden wir „unter Männern“ anders darüber, als wenn unsere Frauen mit dabei sind? Den Podcast hätten wir so oder so gemacht, die Idee war unsere. Als ich mir die Arbeit an diesem journalistischen Produkt von meinem Arbeitgeber genehmigen lassen wollte, fand „Spiegel Online“ es auf Anhieb so interessant, dass wir verhandelten und es bald hieß: Macht Euren Podcast doch bei uns! Wir hatten aber so viel Bock darauf, wir hätten es auch unabhängig rausgeballert. 

Wer ist Eure Wunschzielgruppe – und wer hört tatsächlich zu? 

Wir richten uns an Väter und deren Lebenswelt. Wie verhält sich ein Vater denn nun bei der Geburt? Wie kann man als Mann Arbeit und Familie gerecht werden? Wer sich klassische Ratgeber anschaut, der hat 200 Seiten lang Tipps für Mütter und auf 10 Seiten erfährt der Vater, dass er besser die Klappe hält. Es gibt aber ein Bedürfnis, darüber vermehrt zu reden. Gleichzeitig haben wir im Kopf, dass auch Mütter und Frauen diesen Podcast hören. Wegen der Schlüssellochperspektive. 

Wie fallen die bisherigen Reaktionen aus?

Die sind schön, weil sie so durchmischt sind. Uns schreiben eine Hebamme in Ausbildung, ein Pärchen Mitte 30, das gerade in Elternzeit durch die USA tourt oder auch der stellvertretende Chef einer Werbeagentur, der sich bei uns wiederfindet. 

Gibt es ein besonders schönes Feedback?

Ein junger, werdender Vater schrieb uns am Anfang, er sei total aufgeregt und hatte ganz viele Fragen, die wir in den späteren Folgen beantworten konnten oder noch werden. Toll ist auch die Vorstellung, dass uns werdende oder frischgebackene Eltern gemeinsam hören, davon wurde uns ebenfalls berichtet. 

Und eine besonders üble Kritik?

Die Kritiken per Mail sind insgesamt sehr höflich und freundlich. Auf Twitter geht es auch mal ruppiger zu, das nehme ich sportlich. Dort heißt es grundsätzlich manchmal: „Was maßen sich drei weiße Dudes an, über so ein Thema zu reden? Geburt ist nun wirklich nicht deren Baustelle!“ Und: „Typisch: Männer, die glauben, sie könnten den Frauen und der Welt weismachen, sie wüssten, wie es läuft.“

Ein CvD als Podcaster: Jonas Leppin im Studio (Foto: Sebastian Schneider)

Wobei Ihr ja im Podcast zugebt, dass Ihr genau das nicht wisst. 

Wenn man das Konzept, dass Väter sich über Väterthemen unterhalten, ablehnt, dann ist das so. Wir versuchen aber in den Dialog zu treten und behaupten nicht, dass Frauen doof sind oder dass wir wissen, wie alles funktioniert. Wir sind nicht die geilsten Väter. Wir stellen Fragen und suchen Antworten. Und versuchen aus unsere Blase auszubrechen. Wir sind als weiße männliche Journalisten privilegiert, das wissen wir. Viele Väter verzichten nicht auf Elternzeit, weil sie ihre Arbeit so geil finden. Sondern weil sie es sich nicht leisten können, sechs Monate durch Neuseeland zu fahren. 

Mich wundert Deine Aussage, Euch würden so viele Männer hören. Meiner Erfahrung nach sind online, besonders bei Instagram, fast ausschließlich Frauen unterwegs, die sich mit Elternthemen auseinandersetzen. 

Wenn wir auf das Feedback schauen, dann ist es bei uns wirklich 50/50. Väter schreiben uns, dass sie es toll finden, dass es so einen Podcast endlich gibt. Vielleicht müssen Väter noch lernen, über solche Themen zu diskutieren und zu sprechen. Sonst kommentieren und erklären Männer doch auch alles! 

Mich kriegte Euer Podcast erst an der Stelle, als Dein Kollegen Axel berichtete, sich während der Schwangerschaft null auf das Kind gefreut zu haben. Bei abseitigen Meinungen, die man nicht jeden Tag im Freundeskreis hört, wird es erst wirklich spannend.

Absolut. In unseren Mails suchen wir auch nach Hörern, die Probleme schildern und eventuell Bock haben, davon zu erzählen. Interessant wird es erst, wenn wir nicht mehr nur mit erwartbaren und sozial gewünschten Antworten spielen. Ich glaube, es hilft Vätern zu wissen, dass sie mit manchen Ängsten nicht alleine sind. 

Ihr kanntet Euch vorher. Gab es Momente bei den bisherigen Aufnahmen, in denen Ihr vom Gegenüber überrascht wart? 

Gerade Axel ist in vielen Folgen sehr persönlich geworden und hat Sätze gesagt, bei den ich dachte: „Alter, willst Du das wirklich in einem Podcast so sagen?“

Zum Beispiel?

Dass er zugab, sich nicht nur nicht gefreut zu haben, als seine Freundin schwanger war, sondern dass er partout kein Kind haben wollte. Erwünscht wäre Freude gewesen, zumal eine werdende Mutter verunsichert genug sein wird und so jemanden wohl als letztes an ihrer Seite haben will. Sowas trotzdem auszusprechen, empfinde ich als sehr mutig. 

Noch was?

In einer bereits aufgenommenen, kommenden Folge geht es um die Frage, ob und wie sich die Beziehung mit Kind verändert. Da war Axel auch sehr offen und ehrlich und berichtete von Komplikationen. Im Nachhinein sind solche persönlichen Geschichten, die auch mal weh tun, zigmal interessanter, als wenn ich bloß erzähle, wie meine Elternzeit so war.

Hat das bewusste Sprechen über das Vatersein bei Dir etwas verändert? Hast Du durch den Podcast etwas gelernt, das Du über Dich nicht wusstest?

Ich bin kein Vater, der vorher Elternliteratur gelesen oder sich sonst wie krass mit dem Thema auseinandergesetzt hätte. Ich hatte zu den wenigsten Themen eine feste Meinung, habe stets nach dem Bauchgefühl gehandelt. Nun habe ich mich vermehrt inhaltlich mit Sachen auseinandergesetzt, nachgelesen, oder auch mit meiner Freundin über Themen diskutiert.

Konkret?

Diese ganze „Mental Load“-Geschichte. Dass man es Frauen überlässt, sich um Bestimmtes zu kümmern. Das fiel mir dann erst auf. Dass meine Freundin zum Beispiel immer die war, die die Tasche für das Kind gepackt hat. Ich kam gar nicht darauf, das zu tun, weil es so selbstverständlich war. Dass ich meine Tochter zwei Monate ganz alleine hatte und meine Freundin arbeiten war, hat mir in dieser Hinsicht sehr geholfen. Ich musste mich kümmern, und das kann ich jedem nur empfehlen. 

Gab es schon mal zuhause Stress wegen Gesagtem?

Stress nicht, aber Sorgen, ob man dieses oder jenes hätte sagen sollen. Manche Formulierungen waren arg persönlich. Wir hatten auch einen Dummy aufgenommen, den wir unseren Freundinnen vorspielten und sie dort zu persönliche Stellen ausmachten. Den haben wir nie veröffentlicht.

Welche Themen kommen noch?

Es wird um „Partnerschaft und Kind“ gehen. Um „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“. Um „Diskriminierung von Vätern“. Und um „Gleichberechtigung“. Erziehen wir Jungen und Mädchen anders? Wir habe mit Maria Furtwängler darüber gesprochen, die eine Studie zu Rollenbildern angestossen hat. ein Buch über Rollenbilder schrieb. Am Ende der Folge wird Collien Ulmen-Fernandes unsere Abschlussrubrik „Und, wie waren wir?“ übernehmen. Am Ende gibt es immer unsere Folgen-Kritik „Und, wie waren wir?“, etwa mit der Moderatorin Collien Ulmen-Fernandes oder der Schriftstellerin Juli Zeh. 

Drei Väter, die einen Podcast machen: Jonas Leppin, Axel Rahmlow und Markus Dichmann (Foto: Sebastian Schneider)

Gibt es ein Thema, gegen das Ihr Euch entschieden habt und nicht darüber sprechen wollt? 

Über alleinerziehende Väter oder Mütter, ob mit jungen oder älteren Kindern, können wir schlecht sprechen. Auch nicht darüber, wie es Vätern in anderen Ländern ergeht, zum Beispiel über skandinavische Elternzeitmodelle. Weil es das Konzept nicht hergibt. Wir können nicht über Trennung reden, weil wir alle in einer Beziehung sind mit den Müttern unserer Kinder. Sonst haben wir uns aber nicht geschont. Es geht auch um Sex. Oder darum, dass wir alle weiter arbeiten wollen und wie wir das mit unseren Freundinnen vereinbaren. Wenn es mit dem Podcast weitergeht, würden wir aber auch gerne Themen ansprechen, von denen wir nicht direkt betroffen sind. 

Wann ist der Podcast für Euch ein Erfolg und wann nicht? Und wann für Spiegel Online?

Wir haben eine Staffel mit acht Folgen geplant. Danach setzen wir uns mit den Kollegen aus dem Audioressort zusammen, blicken zurück, gleichen Vorstellungen ab und diskutieren die mögliche Zukunft. Wir haben Bock, den Podcast weiterzumachen, die Reaktionen bestärken uns in dem Gefühl. Aber so eine aufwändige Produktion kostet auch Geld und muss mittelfristig vermarktet werden.

Zum Abschluss die Kernfrage: Warum reden Väter so selten (öffentlich) über ihr Elternsein?

Gute Frage. Ich glaube, dass wir uns in einem Wandel befinden. Die Gesellschaft ist nicht mehr wie früher, als der Vater arbeiten ging und die Frau sich um die Kinder gekümmert hat. Zurecht hat sich das verändert. Jetzt steht alles offen. Väter können und dürfen sich an allem beteiligen, müssen das aber auch erst lernen. Die einen sind da schon weiter als die anderen in ihren Rollenmodellen. Auch Arbeitgeber müssen lernen, dass auch Väter Elternzeit nehmen. Großeltern dürfen es nicht länger komisch finden, dass auch der Vater mal ein halbes Jahr zuhause bleibt. Väter selbst müssen lernen, mehr und offener über all das zu reden, weil es sie immer stärker betrifft. Durch Deinen Blog oder unseren Podcast habe ich aber das Gefühl, dass wir da auf einem ganz guten Weg sind. Wir dürfen nur nicht aufhören, darüber zu reden. 

Fühlst Du Dich als moderner Vater, eben weil Du darüber sprichst?

Ich merkte bei mir oft, in wie vielen kleinen oder größeren Klischees ich selbst noch gefangen bin. Finde ich witzig, weil ich ja gleichzeitig von mir selbst denke, dass ich so ein mega-aufgeklärter, total offener, progressiver Typ wäre. 

Worum geht es da?

Elternzeit zum Beispiel. Meine Freundin musste mich erst darauf hinweisen, wie konservativ ich da gedacht habe. „Mach wie du willst, aber du wirst es vielleicht irgendwann bereuen, nicht länger Elternzeit genommen zu haben.“ Dann habe ich es gemacht und gecheckt, wie recht sie hatte. Würde ich beim nächsten Kind wieder so machen. Vom Finanziellen abgesehen gibt es kein Argument der Welt gegen mehr Elternzeit. Meine Arbeit und ich sind nicht wichtiger als meine Freundin und ihr Job. Andersherum muss es auch funktionieren: Ich habe in Fragen über meine Tochter nicht nur ein Mitberatungsrecht, sondern das gleiche Entscheidungsrecht wie meine Freundin.

Als Vater „hilft“ man auch schließlich nicht im Haushalt, sondern kümmert sich genau so darum. 

Wenn die Kinderärztin mir sagt, dass ich bitte meiner Freundin sagen soll, dass in zwei Wochen eine wichtige Impfung ansteht und sie auf diese oder jene Dinge achten soll, antworte ich: „Entschuldigung, ich bin der Vater, und keine Vertretung. Sagen Sie es mir.“

Der „Drei Väter“-Podcast ist bei Spiegel Online, auf Spotify, Deezer, Soundcloud und allen weiteren gängigen Portalen im Stream zu hören. Die fünfte Folge, in der es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht, ist am 7. Mai 2019 erschienen.

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