Wo sind all die Väter online bloß?

Rollenwandel, Elternzeiten, Exklusivitäten: Drei Gründe dafür, warum Elternthemen im Internet noch immer zuerst von Frauen ge- und besetzt werden.

Ein Bild von mir selbst, das ich auch bei meinem „Eltern Magazin“-Takeover benutzte. Weil es auf Instagram angeblich ankommt, wenn man sich selbst zeigt – wenn schon nicht seine Kinder. (Foto: Kid A. Falten: Kid A und Kid B)
Ein Bild von mir selbst, das ich auch bei meinem „Eltern Magazin“-Takeover benutzte. Weil es auf Instagram angeblich ankommt, wenn man sich selbst zeigt – wenn schon nicht seine Kinder. (Foto: Kid A. Falten: Kid A und Kid B)

Inspiriert von der us-amerikanischen Väter-Community „Life of Dad“ startete ich Ende 2017 einen Aufruf. „Hey, (werdende) Väter da draußen: Ihr habt Sorgen oder Probleme, bei denen Euch Freunde oder Familie nicht helfen können? Schickt Eure Fragen hierher, wir lassen sie auf Facebook ausdiskutieren!“, schrieb ich unter anderem. Das Feedback war in etwa so rege, wie wenn man vor dem Fernseher sitzende Kinder fragt, ob sie ins Bett möchten: Keiner meldete sich, auch nicht beim zweiten Mal, als ich den Aufruf über Instagram ausspielte. Gut, mein Blog ist klein, meine Followerschaft überschaubar. Die Frage stellte sich trotzdem: Gibt es online keine Väter, die sich über ihre Rolle und damit einhergehender Freud und Leid austauschen oder wenigstens darüber lesen wollen? Oder gibt es die nur nicht unter meinen drölf Lesern, von denen ja ohnehin mindestens 75 Prozent Frauen sind?

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Vor rund einem Jahr hatte ich auf Facebook den folgenden Aufruf gestartet (Link in Bio). Das Feedback war in etwa so rege, wie wenn man vor dem Fernseher sitzende Kinder fragt, ob sie ins Bett möchten. Deshalb versuche ich es hier und jetzt einfach noch mal. Denn: Das, was @lifeofdad da in den USA machen, müsste hier doch auch interessieren, dachte und denke ich. Frei nach dem Motto: Lieber potentiell Gleichgesinnte fragen als den wütenden Supermamamob in einschlägigen Elternforen. Also, liebe Väter oder solche, die es werden (wollen): Ihr habt Angst vor dem, was da kommen mag? Ihr wisst nicht, ob der Schlafmangel je ein Ende hat? Euch graut es vor dem ersten Urlaub mit Kind? Ihr traut Euch nicht, beim Chef oder der Chefin Elternzeit zu beantragen? Eure Partnerin und ihr habt keine Zeit mehr für Euch, seit der Nachwuchs die Tage, Nächte und Euer Bett für sich vereinnahmt? Ihr habt andere Fragen oder Probleme, bei denen Euch Freunde oder Familie nicht helfen können? Ihr wollt einfach mal wissen, wie andere Väter mit all den neuen, aufregenden und nervenaufreibenden Momenten im Alltag mit Kindern umgehen? Schickt Eure Fragen rüber (hi@newkidandtheblog.de, DM oder Kommentare), wir posten sie anonym und suchen nach Antworten! https://www.newkidandtheblog.de/2017/12/13/vaeter-fragen-andere-vaeter-antworten/ #lifeofdad #lifeofdads #väterfragen #väterantworten #nkatb #ama #askmeanything #dadblogger #elternblogger #familienblogger #elternforen #hysterie #gutefrage #gutefragenet #esgibtkeinedoofenfragen #homersimpson #doh

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In Wahrheit griff dort wohl die Filterblase: Nachdem ich vor ein paar Wochen nach einem Hinweis der Kölschen Dudes von „Ich bin Dein Vater“ Mitglied der von Netpapa.de gegründeten Vätergruppe „Einfach Vater sein » Die Papa-Gruppe“ auf Facebook wurde, begriff ich, dass es durchaus Väter gibt, die sich online austauschen. Neben handwerklichen und beruflichen Ratschlägen, lustigen oder lustig gemeinten Videos und Freizeittipps geht es dort mitunter sehr freizügig auch um Trennungs- und Sorgerechtsfragen, Sex in den ersten Monaten nach der Geburt oder Diskussionen über die „richtige“ Erziehung (zum Beispiel „Wann darf mein Kind schlagen/zurückschlagen?“). Die Gruppe zählt rund 16.000 Mitglieder und zeigt wohl einen aktuellen Querschnitt deutscher Väter: Von modern bis konservativ, von sympathisch bis prollig, von wirklich hilfesuchend bis einfach nur mitlesend scheint jeder Typ dabei zu sein. Oft rege ich mich über dortige Kommentare und Denkweisen auf und freue mich gleichzeitig, dadurch eben doch aus meiner digitalen und Real-Life-Filterblase herausblicken zu können.

Auf Instagram sieht das anders aus: Schätzungen und Statistiken besagen zwar, dass das Geschlechterverhältnis unter deutschen Nutzern recht ausgeglichen sei, 2018 hätten erstmals sogar mehr Männer als Frauen Instagram genutzt. Mein persönlicher Eindruck aber ist ein anderer: Als ich Anfang April für ein Wochenende den Instagram-Account des Eltern-Magazins und damit eines der größten deutschsprachigen Outlets rund um Elternthemen übernehmen durfte, reagierten gefühlt und nachgezählt über 90 Prozent Frauen auf meine Posts. Versteht mich nicht falsch: Ich freue mich über (fast) jedes Feedback. Gewundert habe ich mich über ein derartiges Ungleichgewicht dennoch.

Warum Väter sich so selten (öffentlich) über ihre Rolle austauschen

Unter Elternbloggern fällt das Verhältnis ähnlich eindeutig aus: „Es gibt rund 3000 sogenannte Mamablogs in Deutschland und vielleicht 100 Väterblogs“, sagt Anne-Luise Kitzerow beim Netzfest 2019 in ihrer Session „Wo sind all die Eltern online bloß?“. Kitzerow ist selbst Bloggerin, studierte Zukunftsforscherin, Gründungsmitglied der Familienblogger-Konferenz Blogfamilia e.V. und dreifache Mutter. Die Gründe für dieses Ungleichgewicht sieht sie in einem anderen Ungleichgewicht. Da es in der Regel noch immer die Mütter seien, die länger Elternzeit als die Väter nähmen, seien sie es auch, die sich zwangsläufig mehr mit dem Elternsein beschäftigten. Salopp formuliert: Der Alte sitzt nach zwei Wochen wieder im Büro und hat den Kopf voller Arbeit, die Mutter hängt Monate mit dem Baby zuhause rum und hat neben viel Stress auch viel Zeit und Langeweile.

Kein schöner, aber ein nachvollziehbarer Grund, wie ich finde. Meiner Meinung und Erfahrung nach aber gibt es noch mindestens zwei andere maßgebliche Gründe dafür, dass Väter sich so selten (öffentlich) über ihre Rolle austauschen.

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⁣#INSTADADS⠀ ⠀ Folgende, bitte nicht als Arroganz auszulegende steile These trieb mich einst kurz um: Müsste ich nicht schon wegen meines schieren Daseins als ins Internet schreibender und instagrammender Vater ein, äh, Instar sein? ⠀ ⠀ Als ich mein kleines Elternblog @newkidandtheblog.de Anfang 2014 gründete, war es (glaube ich) eines der ersten, das nicht von einer Mutter betrieben wurde. Ich wollte mich in mehr Gelassenheit, Ehrlichkeit und Humor und weniger Tipps, rosaroter Brille und Elternforenwahn à la „Urbia“ und Co. versuchen. Huch, die gehören zum selben Verlag wie das @elternmagazin hier, oder? 🙊⠀ ⠀ Selbst jetzt, fünf Jahre später, sind gefühlt nur wenige Väter around. Klar, gibt auch ein paar „große“. Ein paar dieser Accounts aber finde ich zu, pardon, prollig, oberflächlich, männlich, ratgeberisch, unlustig, langweilig. Überhaupt so viele Instagram-User da draußen, die ausschließlich über Nichtigkeiten labern oder in ausformulierte Kalendersprüche verfallen. Jeder Post das gleiche blablabla. Über dauernde Werbeposts haben wir da noch gar nicht gesprochen. „Muss“ man sich hier so geben, um sogenannten Erfolg zu haben? Am Ende soll ich Euch wohl noch unsere Kinder zeigen! ⠀ ⠀ Ich will mich nicht besser oder schlechter machen, wie könnte ich. Ich will nur ein paar Empfehlungen von gesund coolen (nicht aufgesetzt coolen) Vätern, mit denen ich abends auch gerne mal ein Bier trinken gehen würde. Auch wenn ich mit Frauen oftmals besser kann. Typen wie @betriebsfamilie , @papamachtsachen, @ichbindeinvadda, @johnnyliestvor und Co., zum Beispiel. Sagt doch mal an, danach können wir uns ja weiter ignorieren ;-).⠀ ⠀ Und an die Mütter: Was vermisst Ihr, was würdet Ihr gerne von Vätern/über Väter lesen, sehen, hören? #nkatb #elterntakeover

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Erstens befindet sich diese Väterrolle gerade in einem ziemlichen Wandel – und das gesamtgeschichtlich gesehen in einem winzig kleinen Zeitraum. Über Generationen hinweg war Vaddern der Malocher und Ernährer, und plötzlich darf und soll er auch zuhause sein und sich um die Kinder kümmern? Ein unbedingt begrüßenswerter Fortschritt, der aber viel Umdenken verlangt. Bei Passanten, die einen Vater mit Kinderwagen nicht gleich als großen Helden oder Arbeitslosen einordnen dürfen. Bei Freunden, Verwandten und Bekannten, die sich altbackene Blicke und Kommentare verkneifen müssen, wenn ER auch mal „zurücksteckt“. Bei Arbeitgebern, die Elternzeit unter Vätern mitbedenken müssen. Und bei den Vätern selbst: Wer gerade erst lernt, sich mit seinem Partner möglichst gleichberechtigt die Erziehung und den Mental Load aufzuteilen oder zumindest ein bewussterer und anwesender Vater zu sein, ist nicht auf der Stelle so weit, diese Rolle selbstverständlich nach außen zu tragen. Soziologe Martin Schröder sagt im Interview mit ZEIT Online: „Deutschland ist ein Land, in dem es immer noch normal ist, dass Väter Vollzeit arbeiten und Mütter nicht. Vielleicht ist es einfacher, so zu leben wie alle. Dann muss man sich nicht gegenüber Bekannten, Freunden, Eltern erklären. Sich gegen stereotype Rollenbilder zu stemmen kostet viele Menschen möglicherweise Lebenszufriedenheit. Das bedeutet nicht, dass wir diese traditionellen Rollenbilder super finden, doch wir haben sie anscheinend in uns.“ Menschen schwimmen offenbar lieber mit dem Strom, und der fließt deutschlandweit eben nicht in die gleiche Richtung wie etwa im liberalen Berlin-Kreuzberg.

Zweitens machen es die Mütter den Vätern im Internet nicht unbedingt leicht. Ein Blick auf die größten einschlägigen Instagramaccounts, Blogs oder auch in die guten schlechten alten Foren genügt, um den Eindruck zu bekommen: Hier schreiben nicht Eltern für Eltern (und solche, die es mal werden wollen), sondern Mütter für Mütter. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Jede Stillgruppe, jeder Post über Komplikationen bei der Geburt, Liebe und Bindung hat seine absolute Berechtigung. Nicht jeder von ihnen involviert aber auch Väter oder lädt sie wenigstens indirekt dazu ein, mitzudiskutieren. Ein Beispiel: Als ich einen späteren „Eltern Magazin“-Takeover auf Instagram einer Mutter verfolgte, kommentierte ich einen Post mit der banalen Frage, ob ihr eigentlich allgemeingültig Gesagtes denn auch für Väter gelte, da sie ausschließlich von Müttern sprach. Sie entschuldigte sich, habe einfach nicht darüber nachgedacht. „Allerdings habe ich mich auch noch nie über mangelnde Väter-Instagram-Präsenz beschwert, das musst du mir zu Gute halten 😉♥️, schrieb sie hinterher. Nein, ich fühle mich nicht diskriminiert als Vater. Ich würde mich aber freuen, wenn auch unter Müttern ein Umdenken stattfinden würde.

Es ist und bleibt, wie Jonas Leppin vom „Spiegel Online“-Podcast „Drei Väter“ mir im Interview sagte: Man darf nicht aufhören, darüber zu reden. Ob auf Instagram, Blogs, in der Familie, im Freundeskreis oder im Büro. Damit Vatersein selbstverständlicher wird und wir, also alle, den nächsten Schritt auf dem langen und womöglich nie komplett zurückgelegten Weg zur Gleichberechtigung gehen können. Das hoffentlich nicht letzte Wort überlasse ich deshalb Mareice Kaiser.

Update am 28. Mai 2019: In den Kommentaren bei Instagram ist als Reaktion auf diesen Text die Idee eines Väter-Takeovers entstanden. Unter dem Hashtag #Vatertagover rufe ich dazu auf, dass „Instamoms“ (no Beleidigung intended) am Vatertag ihre Männer an ihre Accounts lassen. Macht alle mit! Details hier:

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⁣INSTAMOMS, LASST MAL EURE MÄNNER AN EURE ACCOUNTS RAN! #Vatertagover⠀ ⠀ Unter der Überschrift „Wo sind all die Väter online bloß?“ schrieb ich neulich einen Text, in dem ich mögliche Gründe versammelte, warum sich so wenige Väter bekennend auf Instagram, Facebook, Blogs und Co. herumtreiben, #LinkinBio. ⠀ ⠀ Haben sie keinen Bock, keine Zeit? Ist ihnen ihre neue Rolle noch zu fremd? Ist ihnen Instagram zu weiblich (was zumindest die ausgeglichene Geschlechterverteilung unter allen Nutzern weltweit statistisch nicht bestätigt)? Lässt die Gesellschaft sie noch nicht so recht?⠀ ⠀ Weil das Private politisch ist, müssen Väter dort präsenter werden und selbstverständlicher agieren, wo sie gesehen und gehört werden. In der Familie, im Freundeskreis, auf der Arbeit, im Internet. Ja, es gibt Gründe, warum der Weg zu elterlicher Gleichberechtigung noch ein langer ist. Aber wir können ja gemeinsam etwas dagegen bzw. dafür tun.⠀ ⠀ In den Kommentaren zu meinem Text kam deshalb die Idee auf, die Väter auch mal ranzulassen: „Vielleicht sollten wir mal einen Takeover-Tag ausrufen, an dem alle Mütter ihre Accounts von ihren Männern schmeißen lassen!“, schrieb ich und erntete ersten Zuspruch. Ich kann mir noch immer vorstellen, dass das vielen hier wirklich Spaß machen und neue Perspektiven eröffnen könnte. Und wenn Ihr am Ende nur die „bessere Hälfte“ Eurer Lieblingsinstagrammer kennenlernt!⠀ ⠀ Wann? Na klar: Am Donnerstag ist Vatertag. Passt perfekt und mit „Arbeit“ kann sich auch (fast) keiner rausreden!⠀ ⠀ Also, liebe Instagrammerinnen: Motiviert Eure Männer dazu, sich am Vatertag im Feed und in den Stories mal bei Euren Followern vorzustellen, ein bisschen von sich oder Euch zu erzählen und vielleicht sogar mit Eurem Account bei den anderen zu kommentieren. Das Wichtigste: Nutzt das Hashtag #Vatertagover dafür, so verliert niemand die Übersicht. Und sagt gerne auch Freunden und Bekannten Bescheid, die bei dieser „Challenge“ mitmachen sollten und wollten.⠀ ⠀ Hey ho, let’s go!⠀ ⠀ P.S.: Falls die Aktion Anklang findet, schiebe ich in ein paar Wochen vielleicht einen Fragebogen à la #meetthebloggerde19 von @annehaeusler nach. Falls nicht, haben wir es wenigstens mal versucht.

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