„Es ist ein Luxus, in einer Blase zu leben“

Psychiatrie-Fachärztin Jana Prochnow im Interview über Künstler*innen in der Krise, Mental Health, Resilienz, Corona-Erklärungen für Kinder, Kleinstadtmief und Social-Media-Scheiße.

Nicht nur Eltern waren und sind in der anhaltenden Krise arg gebeutelt. Vor allem Künstler*innen und Soloselbständige müssen sich seit Anbeginn der Coronapandemie und den Maßnahmen zur Eindämmung auf ein noch prekäreres Leben als zuvor einstellen. Was macht das mit ihrer mentalen Gesundheit? Wie kommen sie resilient durch die Krise? Fragen wie diese habe ich Jana Prochnow, Oberärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in Gera, Mutter zweier Kinder und verheiratet mit dem Künstler Thomas Prochnow, für Musikexpress.de gestellt – und im Interview unter anderem erfahren, warum Kunstschaffende unbedingt systemrelevant sein müssten.

Einen herausgekürzten Auszug aus unserem Gespräch möchte ich Euch an dieser Stelle nicht vorenthalten, weil es darin um Kinder, Kunst und Facebook-Kommentare geht.

Jana Prochnow kennt sich beruflich und privat mit Künstler*innen in der Krise aus (Foto: Sabrina Weniger Fotografie)

(…)

Der Tag X, an dem Corona endlich Geschichte ist, wird in der eindeutigen Form nicht eintreten. Und die wirtschaftlichen und psychologischen Spätfolgen Betroffener sind noch gar nicht absehbar.

Jana Prochnow: Das stimmt. Möglicherweise haben wir „nach Corona“ ein gesamtgesellschaftliches Trauma.

Auch für die Kinder wird diese Zeit einschneidend gewesen sein und nie vergessen werden.

Ich erkläre es meinen Kindern so: Den Virus und andere Viren wird es immer geben. Es geht darum, wie wir damit umgehen. Ob es gelingt, nicht nur uns, sondern das große Ganze zu sehen. Und die Verantwortung, die wir als Gemeinschaft haben.

Man zweifelt manchmal daran, ob wir eine sind, wenn man zu viele Facebook-Kommentare liest.

Das darf man eh nicht tun. Dazu am Rande: Als wir nach Gera zogen, stürzte ich in eine tiefe Krise. Weil ich plötzlich wieder mit all dem mittelgroßstädtischen und Kleinstadtmief konfrontiert war. Wenn man nur ein bisschen anders ist als die anderen, fühlt man sich schnell fremd. Mein Mann hat ein Wandbild gestaltet in der Stadt, an einer großen Fassade. Was für einen Shitstorm der auf Facebook bekommen hat! Einer schrieb, er sei ein Sozialschmarotzer, der nur von Vater Staat lebe. Andere unterstellten ihm, er sei gar kein richtiger Künstler und habe dies da nur hingeschmiert. Kunst sei das ja nun nicht. Solche Kommentare zeigen, wie Menschen auch sind. Das ist ja grundsätzlich zu beobachten und hat sich während Corona verschärft: Die Grenze dessen, was man sagen darf, hat sich weit nach rechts verschoben. Leute tragen ungebremst ihren Hass und ihre Wut nach außen und denken nicht mehr an ihren Nächsten und die Frage, wie der wohl darauf reagiert.

Eine laute Minderheit fühlt sich plötzlich in der Mehrheit. Und Sie treffen Andersdenkende nun auch im analogen Leben, nicht nur im Internet.

Ich habe in Berlin in einer Blase gelebt. Es ist ein Luxus, sich ausschließlich mit Menschen zu umgeben, die die gleiche Meinung und ein so humanistisches Weltbild haben wie ich. Hier war ich ganz schnell die Gleichstellungsbeauftragte. Die, die angeguckt wird, wenn rassistische Witze gemacht werden. Die, der unterstellt wird, dass ich nicht locker bin, weil ich das nicht aushalten und was sagen will. Dann bin ich die, die aus Berlin kommt.

Zumal solche Aussagen oft nicht von rechten Idioten kommen, sondern von Freunden und Bekannten, die das nicht so wild sehen.

So bedacht oder unbedacht, wie Menschen eben sind, erfolgt auch die Aussage: „Kunst und Kultur? Brauchen wir nicht. Die sollen mal einer ordentlichen Arbeit nachgehen.“ Selbst der Vater meines Mannes fragte seinen Sohn nach dem Kunststudium, womit er denn nun Geld verdienen wolle.

Kunst ist zwar kein neues Gebiet, aber vielleicht beruhigt der Gedanke, dass unsere Eltern nicht verstanden, was wir machten und das in jeder Generation so ist. Ich moderiere zum Beispiel einen Podcast und wusste vor 20 Jahren selbst noch nicht, was das ist. In 20 Jahren werden meine Kinder etwas machen, von dem ich heute und vielleicht sogar dann keine Ahnung haben werde. Hoffentlich aber interessiere ich mich dafür und unterstütze sie.

(…)

Lest das komplette Interview mit Jana Prochnow, die Ihr privat auf Instagram unter dem Namen @kerschie findet, auf Musikexpress.de: „Ohne Kunst würden wir alle krank werden“.

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