„NEW WORK“-LEXIKON: DAS ABC DER (SCHÖNEN) NEUEN ARBEITSWELT

Ihr seid nicht Eure Eltern: Familie und Karriere müssen längst kein Widerspruch mehr sein. Beides kann halbwegs zusammengehen – wenn Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen die folgenden Begriffe kennen und von ihnen Gebrauch machen.

So sieht das folgende ABC im Print-Layout der „Men’s Health DAD” aus

A

rbeitszeiten

From 9 to 5 plus Mittagspause und Überstunden? Damit muss Schluss sein: Studien haben längst bewiesen, dass das menschliche Hirn früh morgens noch nicht fit ist, ab Nachmittag einen Durchhänger hat und Zeit absitzen Effizienz vermindert. Immerhin: Erwerbstätige Männer arbeiteten 2017 mit 38,9 Stunden pro Woche durchschnittlich 6 Prozent weniger als noch im Jahr 1991 – aber immer noch 8,4 Stunden pro Woche mehr als Frauen. Weil jede zweite Frau in Teilzeit arbeitet, aber nur jeder zehnte Mann nicht in Vollzeit.

B

etriebsvereinbarung

Deine Firma ist groß genug für einen Betriebsrat? Es gibt einen? Glückwunsch, dann hat der eventuell Rahmenbedingungen für die Arbeitsverträge von dir und deinen Kollegen ausgehandelt. Darin kann es um Sonderurlaube und Sozialpläne gehen, aber auch um Vereinbarungen zu →Cloudworking, →Home Office, →Quotenregelung und so weiter.

C

loudworking

„Fräulein Müller, suchen Sie bitte die Akte WTF-666-1997 heraus und legen sie mir in mein Büro?“ Solche Sätze gehören schon aus technischen Gründen der Vergangenheit an: Sämtliche Daten, auf die mehrere Mitarbeiter*innen Zugriff benötigen, können in einer Cloud, also auf von überall aus erreichbaren Internetservern, abgelegt werden. Stets aktuell, nicht unsicherer als der Schrank im Vorzimmer und immer erreichbar – auch aus →Working Space heraus. Die Verwendung kann übrigens auch in →Betriebsvereinbarung festgehalten werden. Daran müssen sich dann auch die Chefs halten. Zumindest theoretisch.

D

igital Natives

Anderes Wort für die Vertreter*innen der sogenannten Generation Y und Z. Gemeint sind all diejenigen, die nach dem Jahr 1980 geboren wurden, den Umgang mit Computern und Internet nicht erst von ihren eigenen Kindern lernen mussten und für die →New Work hoffentlich noch vor ihrem Renteneintritt gelebte Arbeitsrealität wird.

E

lternzeit

„Endlich Langzeiturlaub!“ Wer das denkt, hat keine Kinder. Selbst wenn Eltern diese Zeit gemeinsam und zum Reisen nutzen, geht es um gegenseitige Entlastung, eine Bindung zum Kind – und hat mit Entspannung und Erholung nichts mehr zu tun.

In Deutschland können aktuell zwölf bezahlte Elternzeitmonate genommen werden, die die Elternteile sich bis zum dritten Lebensjahr des Kindes aufteilen können (sogar 14 Monate sind möglich, wenn Mutter UND Vater in Elternzeit gehen). Was viele nicht wissen: Unbezahlte Elternzeit kann auch danach beantragt werden, in Summe dürfen maximal 36 Monate zusammenkommen. Ernüchternde Statistik: In Deutschland nehmen prozentual zwar immer mehr Väter Elternzeit, davon aber im Durchschnitt kaum länger als drei Monate. Und wenn diese Zahlen auf über ein Drittel aller Väter zutreffen, heißt das eben auch, dass zwei Drittel aller Väter weiterhin ganz auf die Gelegenheit ihres Lebens verzichten. Anträge, Infos und Beratung gibt es bei der Elterngeldstelle des für den Wohnort zuständigen Jugendamts.

F

estanstellung

Wer als Arbeitnehmer in Festanstellung anheuert, tut dies in der Regel aus Karrieregründen oder einem Sicherheitsbedürfnis heraus. Wegen planbarem regelmäßigem Gehalt, Urlaubstagen und Benefits wie →X (Extras) zum Beispiel. Fehlt davon zu viel oder vermisst man die Selbstbestimmung, ist vielleicht der Weg in die Freiberuflichkeit oder Selbständigkeit der richtige Schritt. Doch Obacht: Mehr Freiheit heißt auch mehr Verantwortung – nämlich für sich selbst und seine Familie.

G

ehalt

Traurig, aber wahr: Auch 2019 verdienen Frauen in Deutschland immer noch 21 Prozent weniger als Männer in den gleichen Positionen. Und das nicht, weil sie schlechter qualifiziert wären, sondern weil sie durch →Mutterschutz und →Elternzeit zu mehr Auszeiten gezwungen werden. Damit sich jemals ein Gleichgewicht im sogenannten Gender Pay Gap einstellen kann, gehören 1. mehr Frauen in Führungspositionen (siehe →Quotenregelung) und 2. mehr Männer in →Elternzeit.

H

ome Office

Der Begriff wird zunehmend durch „mobiles Arbeiten“ ersetzt. Beides besagt: Wenn man kein Arzt, Handwerker oder Lehrer ist, kann man seine Arbeit heutzutage von vielen Orten aus erledigen. Solange die technischen Voraussetzungen gegeben (siehe →Cloudworking) und Handy, Laptop und ein Internetzugang vorhanden sind, kann man seinen Job zum Beispiel daheim oder an der Ostsee erledigen. Eine →Betriebsvereinbarung hilft, die Anzahl der Tage zu verhandeln und Strukturen zu schaffen.

I

ch gehe heute früher, Chef

Einst eine geeignete Wortwahl, um einen Wutanfall zu provozieren. Heutzutage darf das bei denen am Computer arbeitenden Berufsgruppen eigentlich kein Problem mehr sein: Dank des →Home Office ist der Kollege in Notfällen eh erreichbar und auch motivierter, wenn er sich seine →Arbeitszeiten selbstbestimmter einteilen kann.

J

obsharing

Wer sagt eigentlich, dass man die 40-Stunden-Woche (→Arbeitszeiten) als Einzelkämpfer runterkloppen muss? Mehrere Teilzeitarbeitnehmer könnten sich stattdessen – zumindest theoretisch – eine Vollzeitstelle teilen. Praktisch bedarf dies allerdings viel Abstimmung untereinander und eines liberalen Arbeitgebers. Ist aber sogar in Führungspositionen denkbar. Sagt der eine Chef zum anderen: „→Ich gehe heute früher, Chef“.

K

ita-Gebühren

Sind bisher Länder- und Kommunensache und gleichen deshalb einem Flickenteppich: Sie berechnen sich mal nach Betreuungsumfang und-dauer, Alter der Kinder, Art der Einrichtung, Einkommen und →Arbeitszeiten der Eltern, mal nach ganz anderen Kriterien. In Kiel kann man so gut und gerne auf bis zu 400 Euro pro Monat pro Krippenplatz kommen, 9 Prozent des Haushaltsnettoeinkommens gehen in Schleswig-Holstein im Schnitt für Kita-Gebühren drauf. In Berlin hingegen wurden sie zum 1. August 2018 komplett abgeschafft. Das „Gute-Kita-Gesetz“ soll bundesweit vergleichbare Verbindlichkeiten schaffen und mehr Geld freimachen. Denn klar ist: Wer arbeiten will und/oder muss, wann und wo auch immer, braucht Kinderbetreuung und muss sie sich leisten können.

L

ife-Work-Balance

Heißt eigentlich Work-Life-Balance, aber wer will schon seine Arbeit vor sein Leben stellen? Wir sind doch hoffentlich nicht mehr wie unsere Väter!

M

utterschutz

Beschreibt mehr als nur den Zeitraum vor und nach einer Entbindung, in dem die Mutter „geschützt“ werden und entsprechend nicht arbeiten soll. Auch der besondere Kündigungsschutz von Schwangeren sowie Beschäftigungsverbote gehören zu den gesetzlichen Schutzbestimmungen. Dass es keinen entsprechenden Vaterschutz gibt, ist biologisch absolut gerechtfertigt, denn die Schwangerschaft können Männer ihren Frauen nun wirklich nicht abnehmen. Sie können aber da sein, damit sie sich nach den körperlichen Strapazen der Schwangerschaft und Entbindung nicht übernehmen.

N

ew Work

Erfunden hat das Konzept der in Sachsen geborene, heute 88-jährige österreichisch-amerikanische Philosoph Frithjof Bergmann. Das Ende der klassischen Lohnarbeit muss seiner Theorie nach nicht zwingend in Massenarbeitslosigkeit münden, sondern kann zu einer neuen Freiheit und Selbstbestimmtheit führen: „New Work“ bedeutet zu entscheiden, Dinge zu tun, an die du glaubst und Raum für Kreativität und Selbstverwirklichung zu erschaffen. An dem Punkt sind wir zwar noch lange nicht angekommen, aber bitte: What’s not to like?

O

pen Source

Idee und Begriff stammen aus der Programmierer-Szene: Als Open Source wird Software bezeichnet, deren Quelltext öffentlich und von Dritten eingesehen, geändert und genutzt werden kann. Durch diese offene und kooperative Form der Arbeit entstand zum Beispiel WordPress, die bis heute beste und am weitesten verbreitete Blogsoftware der Welt. Kaum ein Plug-in, was nicht schon wer geschrieben hätte. Auch Wikipedia konnte nur durch seine Millionen Contributors, die ihr Wissen teilen, entstehen.

P

artnermonate

Umgangssprachlich für Vätermonate, weil ein Großteil der Elternzeit nehmenden Väter ihre Monate nicht allein, sondern gemeinsam mit der Mutter nehmen. Dank des Elterngeld Plus ist übrigens auch eine längere Teilzeit (maximal 28 Monate) innerhalb der Elternzeit möglich. Das wird leider immer noch oft belächelt, was häufig aber auch an den Vätern selbst liegt: Nein, liebe Wochenendpapas und liebe Gesellschaft, Väter sind keine Helden, wenn sie ihre Kinder wickeln, zur Krippe bringen oder mit ihnen mehr als eine Stunde Zeit pro Tag verbringen. Sie sind Väter.

Q

uotenregelung

Sie ist nötig, so lange die Wirtschaft von alten, weißen Männern dominiert wird, die nicht ausschließlich nach Qualifikation, sondern auch nach Geschlecht einstellen. Das bei Arbeitnehmerinnen vermutete „Risiko“, dass sie wegen →Mutterschutz, →Elternzeit und →Teilzeit länger ausfallen, muss in Zukunft bei männlichen Mitarbeitern genauso groß sein. Väter, nehmt mehr →Elternzeit und →Teilzeit! Für euch und eure Frauen! Auch die Lücke im →Gehalt kann nur durch gerecht bezahlte Frauen geschlossen werden.

R

evolution, digitale

Wird auch „dritte industrielle Revolution“ genannt, begann in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts und ist die Ursache für all das, was wir heute unter →New Work fassen. Diese mediale Umwälzung hat locker die Hälfte der Begriffe dieses auf Papier gedruckten Lexikons erst denk- und machbar gemacht. Ihre weitreichenden Folgen waren auch für Pionier*innen nicht abschätzbar. Bill Gates soll 1981 angeblich gesagt haben: „640 kB sollten eigentlich genug für jeden sein.“

S

abbatical

Du willst mehrere Monate oder ein Jahr Auszeit von der Arbeit nehmen? Um zu reisen, einem Burnout vorzubeugen, einen kranken Elternteil zu pflegen, ein Buch zu schreiben oder einfach Zeit für dich zu haben? Hast aber nicht so viele Urlaubstage? Kein Problem: Ein Sabbatical erlaubt es, eine Art unbezahlten Langzeiturlaub einzulegen – wenn es der Arbeitgeber und das eigene Konto erlauben.

T

eilzeit

Aus eigener Erfahrung weiß der Autor dieses Glossars: Teilzeit tut gar nicht weh, im Gegenteil. Es verbessert die →Life-Work-Balance und schadet dem Konto kaum. Nur wichtige betriebliche Gründe erlauben dem Arbeitgeber die Ablehnung des Antrags. Ein Anspruch auf Rückkehr in Vollzeit besteht nur bei Teilzeit innerhalb der →Elternzeit und bei der am 1. Januar 2019 eingeführten Brückenteilzeit.

U

nternehmenseigene Kinderbetreuung

Da Betreuungsplätze für den Nachwuchs heutzutage rarer sind als bezahlbare Wohnungen, bieten auch Betriebe ab einer gewissen Größe zunehmend eigene Kitaplätze für ihre Mitarbeiter*innen an. Die Chefs und Chefinnen haben mitbekommen, wie wichtig die →Life-Work-Balance für die Zufriedenheit ihrer Arbeitnehmer*innen ist. Und es hat sich mittlerweile auch bei ihnen herumgesprochen, dass viele Mütter schnell wieder in den Beruf einsteigen wollen.

V

ertrauensarbeitszeit

Bedeutet das Ende von festen →Arbeitszeiten und Anwesenheitspflicht. Arbeitnehmer*innen einigen sich mit den Arbeitgeber*innen nicht auf eine pro Tag abzuleistende Stundenzahl, sondern auf die Erledigung von Aufgaben – wann, wo und wie auch immer das geschieht. Problem: Seitdem der Europäische Gerichtshof im Mai 2019 die Arbeitszeiterfassung geregelt hat (um Arbeitnehmer*innen vor Überstunden zu schützen), haben es Vertrauensarbeitszeit-Vereinbarungen schwerer. To be continued!

W

Working Space

(Co-)Working-Spaces sind temporär anzumietende Schreibtische in Großbüroräumen, in denen Start-ups gerne anfangen, um die Fixkosten gering zu halten und sich Equipment und Strukturen zu teilen. Sie erfreuen sich besonders in der Kreativbranche großer Beliebtheit und hilft auch in den Anfängen der Selbständigkeit: Keinen Bock, allein im Pyjama am Küchentisch zu sitzen? Geht anderen auch so!

X

Extra

In Stellenausschreibungen für →Young Professionals sind sie fast zur Floskel verkommen: Kein Start-up, das statt mit Weihnachtsgeld nicht mit flachen Hierarchien, Kicker, Tischtennisplatte, Frinks und Fitnesscenter-Abos werben würde. All das zahlt zwar die eigene Miete nicht, aber kann, zumindest kurzfristig, für eine Verbesserung von →Life-Work-Balance sorgen. Auch →Unternehmenseigene Kinderbetreuung ist ein X. Ein besonders wertvolles zudem.

Y

oung Professionals

Waren einst die Traumarbeitnehmer*innen großer Firmen: jung, gut ausgebildet, heiß auf eine steile Karriere, arbeitswillig – und sie kosteten kaum etwa. Heute haben konservative Arbeitgeber*innen zunehmend Probleme mit hochqualifizierten Berufseinsteiger*innen: Sie wollen nicht nur mehr Geld, sondern auch flexible Arbeitszeiten, Freiräume und viele andere New-Work-Benefits, die sich in diesem Lexikon finden. Gut so!

Z

eit ist Geld – und Zeit

Schließen wir dieses Alphabet mit einer bekannten Weisheit und etwas mildem Pathos: Garantiert wird niemand eines Tages auf dem Sterbebett liegen und es bereuen, zu wenig gearbeitet zu haben. Von Geld kann sich eure Familie zwar einiges kaufen. Lebenszeit mit euch gehört aber nicht dazu.

Der Autor dieses Job-ABC Fabian Soethof ist Vater zweier Kinder. Er arbeitet hauptberuflich als Leiter einer Online-Redaktion – in Teilzeit. In seiner Freizeit bloggt er regelmäßig unter www.newkidandtheblog.de. Er ist überrascht, wie viele Begriffe dieses Alphabets er nicht nur kennt, sondern sogar lebt – und wie viele davon seiner Arbeitswelt gleichzeitig trotzdem noch so fern sind.

Dieser Text erschien zuerst in der „Men’s Health DAD“-Ausgabe 01/2020.

Cover der „Men's Health DAD“-Ausgabe 1/2020

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