Der Rosamunde Pilcher unter den Elternbloggern (macht jetzt auf Ratgeber)

Lustiges Taschenbuch und Klolektüre: „Familienbetrieb“-Blogger Christian Hanne hat mit „Hilfe, ich werde Papa“ sein drittes Büchlein in drei Jahren auf die Grabbeltische gebracht. Darin gibt er väterliche Ratschläge, die mitunter keine sind. Unterhaltsam sind sie dafür fast immer.

Klolektüre: Christian Hannes Taschen- und Geschenkebüchlein „Hilfe, ich werde Papa!“
Klolektüre: Christian Hannes Taschen- und Geschenkebüchlein „Hilfe, ich werde Papa!“

Ich muss mich korrigieren: Als Christian Hanne vor rund zweieinhalb Jahren sein Debüt „Wenn’s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith“ veröffentlichte, verglich ich ihn mit Horst Evers. Als vor sechs Monaten sein zweites Buch „Ein Vater greift zur Flasche“ erschien, nannte ich ihn wegen seines literarischen Eifers und dem gezielten Einsatz von Musikzitaten in seinen Texten den „Claas Relotius unter den Elternbloggern“. Nun, da er kein halbes Jahr später nachlegt, wäre man vom Output her wohlwollend geneigt, ihn mit Stephen King oder, realitätsnäher, Rosamunde Pilcher zu vergleichen. Fakt ist: Hanne, den außerhalb der Elternbloggerblase (ausgenommen Familie, Freunde und Kollegen) keiner, innerhalb aber jede Mutter und jeder Vater mit Internetanschluss kennt (#Familientweets), hat nicht bloß schon wieder kein Buch mit zusammenhängender Handlung geschrieben. Er hat noch nicht mal ein Buch geschrieben.

Der Autor denkt mit, das muss man ihm lassen (Buchkauf nach Bildklick / Affiliate Link)

„Hilfe, ich werde Papa – Überlebenstipps für werdende Väter“ ist in typischer Hanne-Manier einmal mehr eine Mogelpackung: Das „Buch“, als das der Autor, Werber, Moabiter Hardliner und Twitterer sein drittes Machwerk großspurig ankündigte, sah auf Fotos mitunter wie ein richtiges aus. In der Hand ist das Ding deutlich kleiner als erwartet – aber diesen Satz hört Hanne sicher nicht zum ersten Mal.

Auf knapp 100 Seiten versammeln Autor und Verlag keinen Fließtext, sondern Klolektüre. Hanne macht darin das, was sich jeder verbitten soll, der selbst mal Kinder kriegte und von dem Gelaber genug gehört hat: Ratschläge geben. Hier aber mitunter gut und in der Regel witzig gemeinte.

Unter „Comic Sans“-Überschriften und neben platzfüllenden Illustrationen finden sich sogenannte Kapitel, die den Namen nicht verdienen, weil sie kaum länger als drei Absätze sind. Der Autor gibt werdenden Vätern Tipps und Meinungen zu Ultraschall, Sex in der Schwangerschaft, Geburtsvorbereitungskursen, sinnvollen und -losem Babyequipment und so weiter mit auf ihren so unsicheren Weg, gesteht aber gleich zu Beginn, dass er im Grunde nur drei wirkliche Tipps habe: „1. Haben Sie keine Panik. 2. Seien Sie ein Team. 3. Suchen Sie keine Patentrezepte.“

Glaubt Christian Hanne kein und jedes Wort, werdende Väter!

Was ich als Vater, der schon zwei Geburten überlebt hat, von Hanne trotzdem gelernt habe: Das Allerwichtigste zu einem Thema kann man tatsächlich auf einer Seite in wenigen Worten sagen. Der Rest ist streng genommen Ausschmuck, Veranschaulichung und Geschwafel (oder Argumente). Hanne ist ein Künstler der Verknappung, ein Mann fürs Wesentliche, einer, der nicht viel redet, aber immer Platz für einen Witz findet. Er wäre somit ein geborener Twitterer. Wenn er nicht schon einer wäre.

Fernere Kritik: Andere Elternmodelle als „Papa und Mama“ kommen bei Hanne nicht vor. Nicht, weil er ein ignoranter Kerl wäre, sondern weil es sprachlich und grammatikalisch einfacher ist – und weil sich ein „Männer sind so, Frauen so“-Buch besser verkauft. Das weiß der Verlag, das weiß man seit Mario Barth. Das weiß der Autor selbst am besten:

Manchmal näher an Mario Barth als an Horst Evers: Christian Hannes neuer Väter-Ratgeber

Fazit: Als Geschenk für werdende Väter kann ich „Hilfe, ich werde Papa“ (hier via Affiliate-Link kaufen) bei aller Häme uneingeschränkt empfehlen. Kostet nur einen Zehner und bereitet werdende Eltern hervorragend auf ihre ersten Jahre nach der Geburt vor – für große Romane werden sie sowieso weder Zeit noch Kopf noch Nerven haben. Für mich war die nicht mal einstündige Lektüre deshalb ein psychologischer Gewinn: Ließe sich doch nur jedes Buch so schnell weglesen wie fünf Mal in aller Ruhe kacken gehen. Man würde sich als Vater endlich mal wieder produktiv UND erfüllt fühlen!

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