Massenmord in Echtzeit: „Utøya 22. Juli“ ist der Film, den Eltern wirklich nicht sehen wollen

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Ein Horror-Thriller, der leider keiner ist: In „Utøya 22. Juli“ wird der Massenmord von Anders Breivik scheinbar minutiös nachgestellt. Harter Tobak – nicht nur für die Hinterbliebenen der 77 Todesopfer, von denen mehr als die Hälfte Kinder waren.

Gute Schauspielerin in einer schrecklichen Rolle: Andrea Berntzen als 19-jährige Kaja, der Hauptfigur in „Utøya 22. Juli“ (Weltkino)

Gute Schauspielerin in einer schrecklichen Rolle: Andrea Berntzen als 19-jährige Kaja, der Hauptfigur in „Utøya 22. Juli“ (Weltkino)

Die grausamsten Drehbücher schreibt immer noch das Leben selbst: Am 22. Juli 2011 zündete ein 32-jähriger Mann erst eine Bombe im Osloer Regierungsviertel und erschoss auf der norwegischen Insel Utøya danach 69 Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die dort mit einer Ferienfreizeit der sozialdemokratischen Arbeiterpartei campierten. 77 Menschen starben, über 100 wurden teilweise schwer verletzt. Anders Behring Breivik, so der Name des in Norwegen geborenen und aufgewachsenen Täters, richtete ein bis dahin in seinem Land nie dagewesenes Massaker an. Eines, das rechtsextremistisch und islamfeindlich motiviert war – und dessen Planung und Durchführung Breivik bis heute nicht bereut.

Plötzliche Geräusche, die wie Schüsse klingen

Erik Poppe, einer der angesehensten Regisseure Norwegens, zeichnet in „Utøya 22. Juli“ diesen nahezu unvorstellbaren Massenmord minutiös nach. In einer sogenannten Plansequenz drehte er 72 Minuten in Echtzeit und aus Sicht der Opfer – exakt so lang, wie das echte Massaker andauerte. Als Zuschauer folgt man der 19-jährigen Kaja, die ihre jüngere Schwester nach einem Streit allein im Zelt zurücklässt. Sie lernt einen Jungen kennen, quatscht mit anderen Camp-Teilnehmern, tröstet eine Freundin, deren Mutter in einem der Gebäude in Oslo arbeitet, wo vor knapp zwei Stunden eine Bombe detonierte und die nicht erreichbar ist – und hört plötzlich Geräusche, die wie Schüsse klingen. Auch, als andere Teenager fliehend an ihnen vorbeirennen, wissen Kaja und ihre Freunde nicht, was gerade geschieht. Sie verschanzen sich erst in einer Hütte und flüchten, nachdem die unbekannte Bedrohung näher kommt, in den Wald. Der Handyempfang ist scheiße, die Angst groß: Wenn das hier wirklich keine übertriebene Übung ist, flüstern und zittern sie im Unterholz, wer schießt dann da gerade und warum?

Die Hilflosigkeit der Teenager ist jetzt schon unerträglich. Von diesem Moment an aber kippt „Utøya 22. Juli“ von einem fiktionalisierten Zeitdokument, einer Pseudoku, in einen „Blair Witch“-Horror: Kaja erreicht ihre Mutter und flüstert ihr zu, dass sie sie liebe. Sie robbt und rennt weiter Richtung Klippen, denn das Wasser scheint der einzige Ausweg zu sein. Sie entdeckt ein angeschossenes Mädchen, das in ihren Armen stirbt, während deren Handy klingelt. „Mom“ steht auf dem Display, niemand geht mehr ran. Plötzlich, am Rande des Waldstücks hinter dem Geäst, taucht eine Silhouette auf: Da steht er, unerkennbar, der Täter, das Böse, der seelenruhig weitere Opfer sucht und auch Kaja entdecken und erschießen würde, wenn sie jetzt nur ein Geräusch von sich gäbe.

So grausam, kaltblütig und sinnlos war die Tat von Breivik wirklich

Poppe betont, dass alle in „Utøya 22. Juli“ zu sehenden Figuren fiktiv seien, damit Eltern bloß nicht ihr ermordetes Kind darin wieder erkennen. Zudem habe der Regisseur seinen Film zahlreichen Überlebenden und Hinterbliebenen gezeigt. Aus Respekt und um sicher zu gehen, dass er nicht zu weit ginge. Wie geschmacklos denen wohl besagte Handyszenen und das Finale des Drehbuchplots (Kajas Schwester, Ihr erinnert Euch) vorkommen oder nicht, würde ich gerne mal wissen.

Das „Gute“ an diesem Todeslauf: Erstens bleiben die viel zu prominent gewordenen Motive des viel zu prominent gewordenen Anders Breivik wie überhaupt sämtliche Hintergründe komplett außen vor. „Utøya 22. Juli“ will nichts als die Geschichte der Opfer erzählen, und das tut der Film aufs Eindringlichste. Zweitens: Durch diesen insgesamt 90-minütigen Nackenschlag kapiert auch der Allerletzte, wie grausam, kaltblütig und sinnlos die Tat von Breivik wirklich war. Menschlich nur schwer vorstellbar, dass der Mann ein im Vergleich zu seinen (überlebenden und traumatisierten) Opfern wohl relativ gutes Leben in Isolationshaft führt, zusammenkopierte Manifeste veröffentlicht, sich mutmaßlich über das ungebrochene mediale Interesse an seiner Person freut und Fachleute ob seiner Zurechnungsfähigkeit und Intelligenz rätseln lässt. Er schreibt (nicht zugestellte) Briefe an Beate Zschäpe und zeigt im Gerichtssaal den Hitlergruß. Nur Reue zeigt er bis heute nicht, ist vom höheren Sinn seiner Taten überzeugt. Versucht man sich nur für einen Augenblick in die Eltern der ermordeten Kinder zu versetzen, braucht es schon einen starken Glauben an Recht, Rechtsstaat und Gerechtigkeit, um hier nicht an Selbstjustiz zu denken.

Und apropos Zschäpe, NSU und Co: Im Abspann von „Utøya 22. Juli“ wird festgehalten, dass rechtsextreme und faschistische Gewalttaten und Morde weltweit zunehmen. Was aber fehlt, ist ein tragender letzter Satz. Einer, in dem es sinngemäß heißen müsste, dass wir dies alle nicht weiter hinnehmen dürfen und dagegen kämpfen müssen. Das wäre nicht nur ein Statement gewesen, das hierzulande auch auf Pro Chemnitz, AfD, Pegida und all den gegenwärtigen braunen Mist übertragbar gewesen wäre. Die Motivation des Filmemachers wäre somit auch eindeutiger geworden, der Zweck hätte ihre Mittel erklärt. So bleibt „Utøya 22. Juli“ ein Psychothriller, der auf viel zu wahren Begebenheiten basiert.

„Utøya 22. Juli“ – der deutsche Trailer:

„Utøya 22. Juli“ wurde erstmals auf der Berlinale 2018 im Wettbewerb gezeigt. Der Film startet am 20. September in den deutschen Kino.

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