Wie erkläre ich Kindern, was arm und reich bedeuten?

Wie veranschauliche ich unseren Schulkindern Reichtum, Armut und deren Korrelation – ohne ihnen die Schattenseiten des Kapitalismus und damit der westlich zivilisierten Menschheit und die Folgen unseres Handelns allzu nahe zu bringen? Erklärungsversuche aus dem Alltag eines vergleichsweise privilegierten Vaters. Meine Weihnachtskolumne für das Deutsche Schulportal.

Der Schein trügt: Klar, Geld allein macht auch nicht glücklich. Dies gilt aber nur für Menschen, die genug davon haben.

Als ich, Jahrgang 1981, noch ein Kind war, habe ich oft, wenn ich meinen Teller nicht leer aß – oder „auf aß“, wie man am Niederrhein sagte – den in vielfacher Hinsicht problematischen Satz gehört: „Die armen Kinder in Afrika haben gar nichts zu essen!“ Heute weiß ich: Auf dem afrikanischen Kontinent und damit in 55 Ländern leben nicht ausnahmslos arme Kinder – so wie in Europa nicht ausnahmslos reiche Kinder leben. Und die, die Hunger hatten oder haben, werden leider nicht satter, wenn ich in Deutschland mehr oder weniger futtere. Was ich dafür als 41-jähriger Vater noch immer nicht weiß oder meinen Kindern befriedigend erklären kann: Warum wird der Unterschied zwischen Arm und Reich in unserer aufgeklärten Welt immer größer und nicht kleiner?

Als durch den geografischen und familiären Zufall der Geburt vergleichsweise privilegierter Elternteil ertappe ich mich viel zu oft dabei, wie ich pädagogisch mitunter fragwürdige Sprüche und Argumente der Generation meiner Eltern, Tanten, Onkel sowie Großeltern übernehme, bei denen ich mich ganz selbstverständlich auf materielle Dinge beziehe, die in anderen Familien aber nicht selbstverständlich sind: „Wenn du bei 3 nicht …, wird Fernsehen oder iPad gestrichen“, „wenn ihr euer Zimmer nicht aufräumt, werde ich selbst ausmisten und dies und das verschenken oder verkaufen …“, „es gibt Kinder, die …“ und so weiter. In puncto Reichtum und Armut ziehe ich also Vergleiche mit anderen Kindern dieser Welt. Das finde ich aber richtig und wichtig.

So berichten wir etwa sachlich davon, dass es viele Kinder gibt, die nur ein oder zwei Spielsachen haben und nicht so viele, dass man den Boden des Kinderzimmers, das sie oft auch nicht haben, nicht mehr sehen kann. Oder dass viele Kinder in zu vielen anderen Ländern einen kilometerlangen Schulweg auf sich nehmen. Ihnen erscheint unser Bildungssystem trotz all seiner Mankos im Direktvergleich paradiesisch, und Schule – die für unsere Kinder so selbstverständlich und manchmal auch lästig ist – ist für diese Kinder die einzige Möglichkeit, um eines Tages überhaupt vielleicht mal aus ihren Verhältnissen auszubrechen.

Auf manche Sprüche der Kinder kann ich souveräner reagieren als auf andere. „Ich wäre gern so reich wie Dagobert Duck“, sagte eines der beiden neulich. Ich erklärte, dass dies mehr Leid als Freude mit sich brächte: „Du kannst dir dann zwar kaufen, was du willst, aber du kannst niemandem mehr vertrauen, weil sehr viele Leute in Wahrheit vielleicht nur dein Geld, nicht aber deine Freundschaft wollen. Und guck mal, was für ein Griesgram Dagobert ist.“

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