Die Synchronisation von „Es war einmal… das Leben“ kann man sich nicht ausdenken (aber irgendjemand hat es ja doch getan)

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Sächselnde Nährstoffe, Fließbandarbeitmotivationssprüche, schlechte Wortwitze und ein jiddischer Ausruf vor der Vergasung: Ja, in der Erinnerung ist die 80er-Kinderserie „Es war einmal… das Leben“ sehr schön und liebenswürdig. Von heute aus betrachtet ist sie aber auch ganz schön schräg. Versuch einer Nachfrage.

Aufklärung und Biounterricht aus Frankreich: Szene aus „Es war einmal… das Leben“ (Screenshot)

Aufklärung und Biounterricht aus Frankreich: Szene aus „Es war einmal… das Leben“ (Screenshot)

Retrowochen im Hause Soethof: „Arielle“, „Pippi Langstrumpf“, „Bibi Blocksberg“, „Benjamin Blümchen“. Nach Monaten der Dauerbeschallung durch „Feuerwehrmann Sam“, „Paw Patrol“, „Peppa Wutz“, „Super Wings“ und „Super Monster“ kommt dieser Tage nur noch auf den Bildschirm oder das Ohr, was Papa oder Mama schon kannten.  Sogar das unsägliche „Schneewittchen“, dessen Geschichte vom Leben und scheinbaren Sterben selbst im angeblich auf dem kinderfreundlicheren Disneyfilm basierenden Hörspiel leider martialischer als „Kill Bill“ daher kommt (Hexe zum Jäger: „Bring‘ Schneewittchen in den Wald. Dort sollen die Wölfe sie in Stücke reißen.“). Kid A will die Kassette aus meinem alten TKKG-MC-Koffer trotzdem immer wieder hören. Next Level „Alf“, Shitstorm wegen zu viel Medienkonsum bitte in den Kommentaren einfügen. Neulich schmissen wir statt Netflix dann etwas anderes Nostalgisches (für die Eltern) mit Lerneffekt (für die Kinder) an – so hofften wir jedenfalls: „Es war einmal… das Leben.“ Es kam aber anders, als gedacht.

Für die Spätgeborenen: „Es war einmal… das Leben“ ist eine französische Comicserie aus dem Jahr 1986 und die dritte von sieben Staffeln der „Es war einmal…“-Reihe. Zu einer Zeit, als Computeranimation noch in den Kinderschuhen steckte, Biologie und Evolutionstheorie in ihren Grundfesten aber dem Kreationismus bereits standhielten, erklärte die Serie den menschlichen Organismus mithilfe kinderfreundlicher Sci-Fi-Elemente: Im Körper patrouillieren Raumschiffe, die auf Anweisung eines freundlichen alten Mannes mit Rauschebart die Logistik am Laufen halten und böse Viren jagen. In den 26 Folgen geht es um „Die Zelle“, „Die Geburt“, „Das Knochenmark“, „Die Nahrungskette“ und so weiter, und für die endgültige Verortung in den Achtzigern sorgen Episodentitel wie „Dein ist mein ganzes… – Das Herz“, wahrscheinlich an Heinz Rudolf Kunzes 85er-Hit und nicht an die gleichnamige Arie von 1929 angelehnt. Denn dass die Übersetzer und das verantwortliche Synchronstudio, nun ja, „Humor“ hatten und ganze fragwürdige Arbeit geleistet haben, beweisen sie auf voller Länge.

Nach nostalgischem Schwelgen zum von Gabie Loh gesungenen deutschen Titelsong „Es ist so schön das Leben“ haben wir Eltern anhand von zwei Folgen zwar gelernt, dass der menschliche Körper 60.000 Milliarden Zellen hat, eine Zelle 1/10 Millimeter groß ist, jeden Tag etwa 500 Milliarden Zellen absterben und durch neue ersetzt werden (in jeder Sekunde bis zu 50 Millionen Zellen), wofür die roten und die weißen Blutkörperchen gut sind und wie man Leukämie behandelt. Begriffe wie Ribosomen, Mytochondrien, Golgi-Apparate und Lysosomen aber bleiben uns weiterhin ein Rätsel – wie sollen selbst wortverliebte Fünfjährige das kapieren?

Was sie sich mutmaßlich wohl oder übel besser merken werden, sind die Sprüche, die sie darin hören. Da ich des Französischen nicht mächtig bin, kann ich leider nicht zurückverfolgen, was im Original gesagt wurde. Die folgenden Sätze aber, willkürlich in ein paar der auf YouTube stehenden Folgen aufgeschnappt, müssen sich von bekifften Reimemonstern ausgedacht worden sein, anders ist der ganze, zwischen Kunst und Schwachsinn changierende Irrsinn nicht zu erklären:

  • „’N bisschen flott, nicht im alten Trott!“
  • „Knäckebrotkäfergeile Angelegenheit!“
  • „Nur Flausen in der Birne und nichts im Gehirne!“
  • „Man kann sich seine Zelle immer noch selbst aussuchen, das ist ein freies Land!“
  • „Besondere Vorkommnisse?“ „Nein, nie! Wenn’s so weiter geht, lass‘ ich mich pensionieren!“
  • „So eine Knete!“
  • „Jetzt gehen wir in die Zelle, bekommen keine Delle, sonst gibt’s ne satte Schelle. Ha!“
  • „Besser gut gerutscht, als schlecht geflutscht!“
  • „Zum Fettwerden großartig.“
  • „Na sowas, Sonntagsfahrer! Habt wohl Fett auf den Augen, Führerschein im Automaten gemacht!“
  • „Mir wird ganz klüterig und schwindelig!“
  • „Bei uns ist immer blauer Montag. Wir tun was wir nicht können.“
  • „Ich weiß, was ich will. Ich will den Meister, Jupp Heister.“
  • „Jungs, der ist lecker! „Geht mir auf den Wecker.“ „Sieht aus wie ein gewisser Bäcker, hähähäh.“ (Stimme imitiert Boris Becker)
  • „Alles verstanden?“ „Ich bin ja nicht dümmlich.“
  • „Was ist denn los? Ein Bimmel-Bammel-Bummel-Streik? Nicht bei mir, auf auf!“
  • „Chromosomen-Drehen ist ein altes Gewerbe, bei dem es einem ganz schön drieselig werden kann.“
  • Es qualmt gar mächtig aus manchem Püsterich.“
  • „Was Du immer für’n Blech redest.“
  • Chromosom: „Ich hab‘ gerade so schön geträumt. Von einer Streuselschnecke, die hat sich in einen Gartenschlauch verliebt.“
  • „Da wird man ja ganz drieselig von dem Gedrehe.“ „Jetzt mach‘ schon, sonst fällt’s mir auf die Zehe.“ „Drehen, drehen, drehen. Es muss jetzt weitergehen.“
  • „Hier geht Alter vor Schönheit.“ „Da müsstest Du ja drei Jahre warten!“
  • „Erst hauen wir auf die Pauke, dann ärgern wir die Frauke.“
  • „Ich bin Beamter, ich denke nicht.“
  • „Diese Gesichter sehen ja aus wie Komposthaufen.“
  • „Da Du Nappel, mein Ausweis. Alles paletti?“
  • „Aus dem sollte man Kaugummipapier machen!“
  • „Es ist toll, seine Pflicht zu erledigen.“
  • „Das gab ja lecker auf die Flocke, wir hauen auf die Glocke.“

Und so weiter.

Ist das ein Zeitdokument? Wurde so auf der Straße, in der Schule oder, wahrscheinlicher, in Büros in den Achtzigern wirklich gesprochen?

Zwischenfazit: Wem auf dem Schulhof Prügel angedroht werden, kann hier aus einem großen Repertoire an kreativen Beleidigungen schöpfen. Und kriegt nach deren Anwendung garantiert erst recht eins auf die Nase.

Eigentlich ganz süß – die zweite Folge „Ein Mensch entsteht – die Geburt“:

Ernster wird es aber an einer anderen Stelle. Unter dem Punkt „Trivia“ lernen wir auf Wikipedia: „In der dritten Folge rief in der deutschen Fassung ein Staphylokokkus den jiddischen Ausdruck „Oy vey gevalt“, kurz bevor sie durch den blauen Wüstrich vergast wurden. Das französische Original enthielt keine Anspielung auf das Dritte Reich.“

Hier besagte Szene:

Nochmal von vorne: Eine Kinderserie, in der die Bekämpfung von Bakterien indirekt mit der Vergasung von Juden verglichen wird? Spätestens jetzt würde es Zeit, bei den damaligen Machern einmal nachzufragen. Wenn es denn noch möglich wäre.

Aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt wurde „Il était une fois… la Vie“ („Es war einmal… das Leben“) vom Synchronstudio Legard Synchron („Hot Shots“, „M*A*S*H“, „Die Dinos“, „Gefährliche Brandung“) in Berlin. Das Studio existiert seit Jahren nicht mehr. Das Dialogbuch damals schrieb der Fernsehmoderator und Tierfilmregisseur Eberhard Weiß, er starb 2006. Auch viele der Sprecher sind schon tot: Josef Meinrad, der dem graubärtigen „Maestro“ in den ersten Staffeln seine Stimme lieh, starb 1996. Sein Nachfolger Heinz Theo Branding starb 2013. Der Virenchef-Sprecher Thomas Petruo (Biff Tannen in „Zurück in die Zukunft“, „Duck Tales“, Vater von No-Angels-Sängerin Vanessa Petruo) starb im April 2018. Die zweite Virenchefstimme Joachim Tennstedt (Jeff Bridges, John Malkovich, Mickey Rourke), Bakterienchef-Sprecher Helmut Gauß (Wärter Karl in „Benjamin Blümchen“, Liam Neeson in „Schindler’s Liste“, George Takei), der Erzähler Norbert Gescher (Steve Martin), sie alle leben noch. Fragen müsste man aber, wenn schon nich Weiß, Michael Richter. Der Ehemann von Tilda Swintons und Helen Mirrens Stimme Karin Buchholz führte Dialogregie.

Da Menschen über 70 nicht ohne Weiteres im Internet aufzufinden sind, gestaltet sich die Kontaktaufnahme leider schwierig. Ich habe eine Telefonnummer bekommen und auf den Anrufbeantworter gesprochen, bisher ohne Rückruf. Stellen würde ich Richter Fragen wie „Wurde früher wirklich so geredet?“, „Sollte ‚Es war einmal…‘ schon damals ein Museum für aussterbende Wörter (klüterig, drieselig) werden?“, „Dachten Sie bei der Zielgruppe heimlich auch an mitschauende Eltern?“, „Wie frei waren Sie bei der Übersetzung, wie frei sollte Synchronisierung sein dürfen?“, „Ist das Handwerk, Kunst oder beides?“, „Würden Sie die Serie heute genau so übersetzen?“, „Kennen Sie gute und schlechte Beispiele für Übersetzungen heutiger Kinderserien?“ und „Muss eine Holocaust-Referenz in einer Kinderserie wirklich sein?“, die Antworten würde ich hier nachreichen.

Aber ist ja nicht so, als wäre der jiddische Ausruf das einzig politisch und historisch Brisante der „Es war einmal“-Reihe; ein bisschen Sexismus gab es obendrein. Zumal eine stellenweise verschwörungstheoretische und impfkritische Abrechnung mit der Menschheit in bester „Black Mirror“-Manier Serienerfinder Albert Barillé 1982 schon vorgelegt hat:

P.S.: Kid A redet seit Tagen von wandernden Blutkörperchen in seinem Körper und von Raumschiffen, die durch seine Nase reinfliegen. Bildungsauftrag womöglich also doch erfüllt. Vielleicht schaut er in 30 Jahren ähnlich auf „Es war einmal… das Leben“  zurück wie ich heute. Oder, wahrscheinlicher, auf die dusseligen „Feuerwehrmann Sam“-Geschichten.

Weiterlesen:

 

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One Comment

  1. Haha… ich hab die Auf DVD und meine 4jährige kennt alle Folgen. Wurde rauf und runter geschaut, ist inzwischen aber von den Disney Filmen und Yakari abgelöst worden. Ich war auch sehr nostalgisch und entsetzt über die raue Sprache, das hatte ich so nicht mehr in Erinnerung!

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