„Väter sollen auch am Arbeitsplatz Verantwortung für ihre Familie übernehmen“

„Mental Load“, was heißt das eigentlich? Und warum ist das wichtig? Bloggerin und Autorin Laura Fröhlich im Interview über Rollenverteilungen, gesellschaftliche Zwänge und die konservative und gefährliche Seite Instagrams. Und darüber, was Frauen von ihren Männern wirklich wollen.

Ist oft unzufrieden, obwohl man es ihr nicht ansieht: Laura Fröhlich (Foto: privat)

In der Elternbloggerblase geht ein neues Buzzword um: Mit dem Begriff „Mental Load“ haben gerade Mütter endlich einen Namen dafür gefunden, was in ihrem Alltag schiefläuft. Verkürzt: Frauen müssen an alles denken, Männer nur an ihre Arbeit. In Wahrheit beschreibt Mental Load deshalb ein gesellschaftliches Problem, das vor allem die Väter interessieren sollte. Warum das nicht so ist und wie man das ändern könnte, darüber habe ich mit Laura Fröhlich gesprochen. Laura ist 36, Bloggerin, freie Journalistin und Buchautorin und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Remseck bei Stuttgart. Auf Instagram ist sie unter dem Namen @HeuteistMusikLaura aktiv – und hat sich dort Mental Load und sogenannte Gefühlsarbeit zu ihrem Leib-und-Magen-Thema gemacht.

Laura Fröhlich im Interview über Mental Load (und Instagram): „Ich rege mich darüber auf, dass die Gesellschaft uns in diese Rollen drängt“

Dein Mann zeigt sich nicht auf Instagram. Aus welchen Gründen? Es geht auf deiner Seite streng genommen doch immer auch um ihn. Weil es um Euer Familienleben geht.

Laura Fröhlich: Es ist auch nicht sein richtiger Name, mit dem ich ihn dort nenne. Er hat es mit Social Media und Internet so gar nicht. Er respektiert aber meine Arbeit und weiß, dass er darin eine Rolle spielt. Ich respektiere umgekehrt seine Privatsphäre und nehme hin, dass er nicht mit Foto im Netz auftauchen will.

Ihr könntet es wie Charlotte Roche und Mann bis zuletzt halten und ihn öffentlich verstecken, sozusagen. 

Ich schreibe gerade ein Buch über Mental Load. Dafür war mein Mann bereit, ein Interview mit mir zu machen. Aber er hat keinen Xing-Account, war noch nie bei Facebook. Manchmal beneide ich ihn darum, weil Social Media ja auch so anstrengend sein kann. 

Weil du auf deinem Account zuletzt viel über Mental Load aus einer persönlichen Sicht schreibst, wirkt es mitunter so, als wärst du ganz schön oft ganz schön genervt. Täuscht der Eindruck?

Ich bin wirklich oft genervt! Aus dem Grund beschäftige ich mich ja mit dem Thema Mental Load. Es hat mich zeitweise in die Knie gezwungen. Ich bin nicht wegen meiner Kinder oder meines Mannes genervt. Mich nerven die Konstellationen, in denen wir als Familie leben. Das betrifft sehr viele Familien, Eltern sprechen aber fast nie darüber. Ich kenne es von Müttern, die meine Texte im Internet kommentieren: Anfangs habe ich freundlicher gebloggt. Wenn man dann aber mal wirklich was zu sagen hat, bekommt man schnell von anderen Müttern zu hören: „Du bist ja total unzufrieden! Wie kannst du nur…?“ Ich bin mittlerweile wirklich böse und sehr unzufrieden – aber nicht, weil meine Familie mir dazu Anlass gibt, sondern die Bedingungen, unter denen wir alle leben. Ich als Frau, aber auch Männer. 

Es überrascht und beeindruckt auch, wie du stets neue Worte für eine im Grunde ähnliche Aussage findest.

Bei mir dreht sich viel um Mental Load, weil der Begriff für mich einer Erleuchtung glich. Patricia Cammarata brachte den Begriff in die deutsche Bloggerszene. Gerade habe ich Gemma Hartleys Buch „Es reicht“ gelesen. Endlich habe ich verstanden, warum ich immer so unzufrieden und wütend bin, mal abgesehen von meinem Charakter. Mütter stehen unter einem extremen Druck, der Grad variiert je nach Familienkonstellation. Aber: Diese Probleme gibt es auch in Familien, wo vordergründig alles passen müsste. Ich weiß zu schätzen wie gut es uns geht, wie privilegiert wir sind, gesunde Kinder zu haben. Durch meine Recherche werde ich leider trotzdem noch wütender. Weil so viele Mütter, aber auch Väter unter diesen Problemen und Ungerechtigkeiten leiden. 

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Uiii, sie naht mit großen Schritten, die Weihnachtszeit. Und schon habe ich wieder eine To-Do-Liste im Kopf. Adventskalender füllen, Adventskranz besorgen, was wünschen sich eigentlich die Kinder und wie feiern wir am schönsten? Ich mache so eine Organisation aus dem Stehgreif und bin eine geübte Weihnachtselfe. Warum? Weil ich eine Frau bin und es deshalb einfach gut kann, Atmosphäre herstellen und mich in meine Lieben hineinversetzen, um zu wissen, was sie sich wünschen? So ein Quatsch! Ich mache es, weil es von klein auf von mir erwartet wird. Anders bei Jungen. Die müssen der Oma nichts malen, weil sie so viel draußen rumtoben. Auch später ist es normal, dass Männer halt nicht so die Romantiker sind. Gehört sich irgendwie auch nicht für einen coolen Typen, oder? Und Gefühle zeigen, ich weiß ja nicht. Erst neulich sagte eine alte Tante zu Jimmy, dass Jungs doch nicht heulen! ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Aha, und deshalb hat Anton mit Weihnachtskram und Gefühlsduseleien nicht so viel am Hut, verstehe. „Laura, du kannst das einfach besser mit den Geschenken.“ Nein, mein Lieber. Wir machen das nun anders. Denn auch für Anton ist es eine schöne Erfahrung, sich mit den Kindern und deren Herzenswünschen auseinander zu setzen. Auch für ihn ist es toll, Zweige für den Adventskranz zu schneiden und mit den Kindern draußen einen eigenen Kranz zu binden. Die Kinderaugen strahlen, wenn wir dann eine Kerze anzünden, und sind es nicht diese Momente, die uns Eltern das Herz erwärmen? Teilen wir doch die Gefühlsarbeit besser auf, davon haben alle etwas. Am Ende ist es Anton doch am liebsten, wenn ich den Advent über nicht gestresst, sondern ganz entspannt bin, weil ich mich nicht um alles kümmern muss. Gefühlsarbeit für alle, besonders in der Weihnachtszeit. Das ist auch gut gehen den mütterlichen Mental Load. Darauf einen Glühwein! #mentalload #weihnachtszeit #advent #adventskalender #gefühlsarbeit

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Was heißt „darunter leiden“ konkret in deiner Familie? Dass der Mann noch immer der Hauptverdiener ist und die Frau länger zuhause bleibt? Ist das einer der Aufregerpunkte?

Ich rege mich darüber auf, dass die Gesellschaft uns in diese Rollen drängt. Würden wir in einer perfekten Welt leben, könnten Männer und Frauen Arbeit, Haushalt und Erziehung unter sich aufteilen, wie sie wollen. Wenn sie sich dann einigten, dass der Mann wie schon seit hundert Jahren den ganzen Tag arbeiten geht, wäre das überhaupt nicht schlimm. Es wäre auch nicht mein Problem. Das Letzte was ich will ist es, einzelnen Paaren vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. Oftmals müssen wir aber so leben, wie es immer schon war. Weil es zum Beispiel für viele Väter so schwer ist, ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Unsere Arbeitszeitmodelle sind völlig unflexibel und familienunfreundlich. Von vielen Menschen wird erwartet, dass sie lange im Büro sind. Von Müttern wiederum wird erwartet, dass sie sich um die Kinder kümmern. Im Kindergarten zum Beispiel heißt es dann: „Wir brauchen noch Mamas, die beim Bastelabend mitmachen.“ Wir werden in diese Rollen gedrängt und sind in ihnen oft nicht glücklich.

Weil es halt „schon immer so war“ und die Männer das Problem nicht sehen?

Jungs wurden selbst in unserer Generation noch so erzogen, dass sie sich nicht kümmern müssen, nicht mal um sich selbst. Dass sie keine Gefühle zeigen. Viele Männer sind auch deshalb nicht in der Lage, in der Familie den nötigen Anteil zu nehmen. Was macht mein Sohn gerade, an was hat er Spaß und Freude? Warum ist es für die Kinder schön, die Wohnung adventlich zu schmücken? Fragen sich immer nur die Mütter. Die dann darunter leiden, dass sie sich um alles kümmern müssen. Dazu kommt, dass sich Paare über eben diese Rollenbilder in die Haare kriegen. Sie verstehen sich nicht.

„Mental Load war wie eine Erleuchtung für mich. Endlich verstand ich, warum ich so unzufrieden bin.“

(Laura Fröhlich)

Du gibst also nicht Vätern allein die Schuld an der mütterlichen Misere, sondern der Gesellschaft. Dafür muss das Problem erstmal erkannt und verstanden werden. Wie definierst Du Leuten gegenüber den Begriff Mental Load, die davon noch nie hörten?

Auf deutsch würde ich es als „mentale Last“ erklären. Dazu zählt Familienorganisation und Gefühlsarbeit. Hervorragend veranschaulichen kann man es mit dem wunderbar perfekten Comic von der französischen Künstlerin Emma, in dem die Mutter alles gleichzeitig macht und der Vater kommentiert: „Hättest du doch was gesagt, ich hätte dir geholfen.“ Dieses Verantwortungsgefühl fehlt den Männern aber nicht, weil sie faul sind oder sich nicht engagieren wollen. Wir werden von kleinauf in diese Rollen gedrückt. Als kleines Mädchen schon sollte ich die Karte für die Oma schreiben, „kannst du doch so gut“. Wenn ich mich aufrege, wird mir gesagt, ich soll mich nicht so aufregen. Als Frau wird man in diese Kümmerrolle erzogen, in der man nicht jammert. Bei Jungs ist es anders: Sogar mein Sohn kriegt manchmal noch Sätze wie „Kleine Jungs weinen nicht“ zu hören.

Oder „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“…

Kommentare gibt es auch, wenn er mit einer Puppe spielt. Kindern werden ohnehin schrecklich geschlechtsstereotypisch erzogen. Wenn sie dann noch sehen, dass Papa arbeiten geht und Mama nicht, setzen sich die Rollen in den Köpfen weiter fest und sie wollen ihnen irgendwann selbst entsprechen. Ganz schlimm finde ich auch, dass sogar beziehungsweise gerade auf Instagram eben diese Rollen verfestigt werden. Ich las neulich von einer Studie, die besagt, dass junge Leute mehrheitlich wieder finden, dass der Mann zur Arbeit und die Frau sich zuhause um alles kümmern solle.

Das Instagram deiner und meiner Bubble, wo doch ach so moderne Eltern unterwegs sind, ist also nicht repräsentativ? Die Rollenbilder sind tradierter, als man denkt?

Instagram selbst ist eine Bubble. Viele nutzen es, viele nicht. Ein Abbild unserer Gesellschaft ist es trotzdem. Gerade bricht sich wieder ein Backlash Bahn. Rollenbilder orientieren sich ins Konservative. Es gibt deinen Account, feministische Accounts und welche, auf denen Eltern zeigen, wie sie Vereinbarkeit leben. Aber groß sind auf Instagram die Accounts, die altmodische Rollenbilder zeigen. Mir hat neulich eine junge Frau berichtet, dass sie eines Tages gerne Kinder haben will, aber ihr mit Blick in die sozialen Medien ganz anders werde. Weil ihr dort vorgelebt wird, sie müsse als Frau Beruf und sich selbst aufgeben und sich kümmern. Ihr Eindruck ging mir sehr zu Herzen, weil ich diese Erfahrung auch mache und ganz schlimm finde.

So kennt man sie von Instagram: Laura Fröhlich vor grauweißer Wand, diesmal mit einer Tasse Kaffee oder Tee (Foto: privat)

Das ist komisch, weil ja gleichzeitig heutzutage der Eindruck entstehen kann, es ändere sich langsam etwas an diesen Bildern und Rollen. Ich habe aber leicht reden: Ich wohne in Berlin-Kreuzberg, wo die Elternwelt liberaler ist und Väter sich nicht nur am Wochenende kümmern. 

Das höre ich auch von Freundinnen in München: Eltern in Großstädten leben eher so wie du. Offen, gleichberechtigt und modern. Bei uns im Dorf ist das anders: Um halb 2 stehen vor dem Kindergarten nur Mütter. Folge auf Instagram mal einem Hashtag wie #momlife. Dort siehst du Bilder, die dich vielleicht erschrecken, aber eben zuhauf herumgeistern. 

Und deren Absenderinnen sind dann die, die gerne mal 300.000 Follower haben und nicht nur 5.000. 

Genau. Die, die auch mal gute Inhalte machen, die über den Tellerrand hinausschauen, haben diese Reichweite nicht. Natürlich ist Instagram ein optisches Medium. Würde ich dort nicht auch mal schicke Bilder hochladen, käme ich überhaupt nicht weiter mit meiner Message. Das muss ich hinnehmen, wenn ich da mitspielen will. Es ist aber dramatisch, wenn jungen Frauen gezeigt wird, dass Mütter sich aufopfern für ihre Kinder, sich zurückziehen ins Private. Wir brauchen Frauen gerade im politischen und wirtschaftlichen Bereich, damit die Gleichberechtigung vorangeht.  

Wäre diese Instawelt anders, müsstest du in ihr ja auch nicht mehr derart auftreten und dich aufregen, du trügest dann Eulen nach Athen. Das Thema Mental Load sollte aber besonders auch Väter angehen. Auf Instagram sind die nicht. Wie erreichst du sie?

In der Diskussion über Mental Load müssen Männer mitsprechen, das stimmt. Es hilft uns Frauen nicht, es unter uns zu besprechen. Ein paar gibt es auf Instagram: Heiner von @Vaterwelten und seinem Blog „Vaterwelten“ zum Beispiel oder Nils Pickert bei @pinkstinks_de. Wir kommen nur gemeinsam davon weg. Stichwort „Maternal Gatekeeping“: Auch wir Frauen müssen unsere Rolle hinterfragen und uns ändern. Es geht um Reflexion und die Rollenmodelle, die wir in uns tragen. 

Aber wie lassen sich Väter erreichen ohne den Umweg über ihre Frauen? Sie müssten doch direkt dafür zu interessieren sein!

Ich glaube es muss über die Frauen gehen, weil es so viele betrifft. Die müssen im nächsten Schritt erklären, was Mental Load ist, was es mit ihnen macht und warum es für sie so schlimm ist. „Wie erkläre ich denn das?“ ist für viele ein Problem. Emmas Comic gemeinsam zu lesen wäre ein Anfang. Männer nehmen aber sicher von anderen Männern eher an, über die eigene Rolle zu reflektieren. Es gibt ein Zitat von Nils Pickert dazu: „Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Männer in ihrem eigenen Leben nur zu Gast sind.“ Es gibt viele Männer, die das konservative Rollenbild leben und sich auch nicht genug um die Familie und sich selbst kümmern. Vielleicht kriegt man Männer also auch darüber, dass sie nicht anfangen sollen, Frauen ihre Last abzunehmen. Sondern dass das Kümmern in der Familie und das Übernehmen von Verantwortung auch eine große Chance ist, ihr Leben selbst zu gestalten und in die Hand zu nehmen. 

Was wünschst du dir konkret von Vätern? Wenn du dir eine Sache aussuchen könntest, die sich bei Männern ändern soll, welche wäre das?

Ich sage dir zwei: Ich wünsche mir erstens, dass Väter am Arbeitsplatz Verantwortung übernehmen und laut sagen, dass ihre Familie sie jetzt braucht. Entweder ich reduziere meine Arbeitszeit, oder ich mache heute keine Überstunden. Viele Väter machen es sich zu einfach und nehmen den Job als Ausrede: „Mein Chef braucht mich hier. Ich kann den Job nicht reduzieren, es geht sonst in der Firma nicht.“ Ob durch Elternnetzwerke im Büro oder als Einzelkämpfer: Nur so werden die Bedingungen für Väter in der Arbeitswelt besser.

Und zweitens?

Zweitens sollen Väter die Verantwortung zuhause auch wirklich mal übernehmen. Und nicht nur passiv bleiben und sagen: „Hättest Du mal was gesagt, dann hätte ich es auch gemacht.“. Sondern Dinge einfach tun. Sehen, dass der Kleine zum Beispiel neue Gummistiefel braucht und dann auch mit ihm losziehen und neue kaufen. Fertig.

Was würdest du konkret gerne erfahren von Vätern, um sie besser zu verstehen?

Ich finde immer spannend, wenn Väter erzählen, wie es ihnen damit geht. Wenn eine Frau fix und alle ist und nur noch rummeckert, wenn er nach Hause kommt: Wie ist das für ihn? Wie geht er mit Unstimmigkeiten um, wenn seine Frau ständig unzufrieden ist? Männer merken das ja, und meiner Erfahrung nach ziehen sie sich oft zurück. Früher war es der Hobbykeller mit der Eisenbahn, heute das Handy. Weil sie merken, dass die Stimmung schlecht und die Beziehung gerade doof ist. Es fällt vielen Männern schwer, über ihre Gefühle zu sprechen. Ich merke aber zuhause: Je mehr mein Mann und ich uns wirklich geöffnet haben, desto besser wurde es. Das interessiert mich: Wie geht es euch Männern damit, was sind eure Zweifel und Ängste, welcher Druck lastet auf euch?

Siehst du eher optimistisch oder pessimistisch in die Zukunft?

In Deutschland verändert sich viel, es tut sich etwas. Ich bin an sich sehr positiv und optimistisch – habe gerade aber große Bedenken. Wenn ich mir meine Tochter anschaue und mir vorstelle, dass sie in einer Welt groß werden könnte, die so aussieht wie auf Instagram… Das geht alles viel zu langsam. Für Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern in Führungspositionen bräuchten wir noch 200 Jahre, las ich neulich. Meine Kinder werden wahrscheinlich unter dem gleichen Druck stehen wie wir. Das finde ich privat traurig. Das frustriert mich auch in der Bloggerwelt. Dass sich dort zu wenige mit diesen Themen auseinandersetzen. Weil du – und das weiß ich aus eigener Erfahrung – mit Rezepten und Bastelanleitungen mehr Klicks kriegst. Ich habe das früher selber gemacht, um die Zahlen hochzuhalten. Aber ich will das nicht mehr. 

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Weißt du was, ich glaube, es tut sich was. Wir werden immer mehr und das fühlt sich super an. Es werden immer mehr Frauen, die keine Lust mehr auf den Stress und den Druck haben und das auch sagen. Erst gestern hat @marlenehellene hier was ganz Wunderbares gepostet: „Mütter sind ganz normale Menschen. Sie haben bei der Geburt nicht im Tausch gegen die Plazenta magische Kräfte bekommen. Lasst Mütter schwach sein“. @fraumierau hat schon eine ganze Zeit gegen die Glorifizierung von Mutterstress angeschrieben: „Als Mutter muss ich gar nichts, was ich als Mensch nicht auch könnte.“ Am Wochenende hat sie dazu auf der @febub_familienkonferenz gesprochen. Ich habe hier vor einer Weile gepostet, dass Mütter Superheldinnen sind. Weil ich das geglaubt habe. Ich war verzweifelt und habe mir die Überlastung schön geredet. Wow, was sind wir alle genial. Wir kümmern uns um alle anderen, kennen keine Müdigkeit, hauen einfach noch einen Kaffee rein und machen weiter. Tja, leider bricht das alles über einem zusammen, diese Erfahrung musste bei mir sein, um das Perfide daran zu erkennen. Und das Schlimme ist, dass wir jungen Frauen oder jungen Müttern damit das Gefühl geben, sie müssen nur die Zähne zusammenbeißen, dann ist es schon machbar. Sie sitzen dann aber weinend in der Küche und fragen sich, wieso ausgerechnet sie so unfähig sind, wieso sie kein Superhelden-Kostüm haben. Für unsere Kinder mögen wir Superheldinnen sein, aber nicht für alle anderen. Wir haben weder mehr Kümmern-Gene als die Männer, wir haben nicht mehr Kraft als andere Menschen und wir haben auch keine Lust mehr, dauernd über unsere Grenzen zu gehen. Also lasst uns ehrlich sein, über die Belastung reden und Wege finden, wie es leichter werden kann. Kümmern ist nicht nur Muttersache. Und ich liebe all die tollen Frauen, die sich dafür einsetzen! #mütter #keinesuperheldin #superheld #mama #mom #eltern #kümmern #mentalload

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Ist doch bei Vätern das gleiche: +50.000 Follower haben die, die zeigen, wie sie gerade beim Work-Out waren, eine bezahlte Reise in einen Vergnügungspark gemacht haben und ihr schönes Gesicht und das ihrer Kinder in die Kamera halten. Ist eine Gratwanderung: Sollte ich mehr von den Inhalten produzieren, die vielen Leuten gefallen, um mit den wirklich guten, mir wichtigen Themen mehr Follower zu erreichen?

Das ist genau der Punkt, der mich verzweifeln lässt. Du müsstest den coolen Macker raushängen lassen und posen. Ich müsste pastellfarbene Bastel-DIYs posten und mich als liebende Mutter zeigen, die sich den ganzen Tag um ihre Kinder kümmert. Dann schießt mein Kanal eventuell auch durch die Decke. Erst wurde ich wütend auf diese Instagrammer, mittlerweile weiß ich aber auch, dass sie zeigen, was andere sehen wollen. Das wahre Problem sind die Rollenbilder. Wir entsprechen ihnen, um geklickt zu werden. Meine Zahlen rauschen nun manchmal in den Keller, aber ich bringe es nicht mehr übers Herz, angesichts dieser großen Probleme Essensrezepte zu posten. 

Wenn du damit Geld verdienen willst oder gar musst und deshalb zeigst, was andere wollen, hast du ja selbst offensichtlich keine Message, die du verbreiten willst. Und deshalb inhaltlich schon verloren – denken du und ich. 

Die politischen Themen sind gerade auf einer so bildlastigen Plattform wie Instagram nicht so interessant, als dass man damit steilgehen könnte. Aber ich merke, dass man trotzdem viele Menschen erreicht, wenn man dabei bleibt und nicht sagt: „Pass auf, ich sage dir jetzt wie Väter und Mütter zu leben haben.“ Sondern versucht, die Menschen aufmerksam zu machen auf das was nicht in Ordnung ist. Wenn ich meine Alltagsprobleme formuliere, kommentieren andere Frauen auch oft genug, dass es ihnen mal genau so ging. So habe ich meinen Weg gefunden. Ich packe meine Emotionen in Texte. Über die dann auch viele sagen mögen, dass diese Laura jetzt schon wieder rummeckert. Man kann es nicht allen recht machen. 

Laura Fröhlichs Buch über Mental Load erscheint im Herbst 2020 im Kösel Verlag. Weitere Interviews zum Thema „Mental Load“ folgen auf newkidandtheblog.de.

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8 Kommentare

  1. Sehr gerne gelesen, danke Fabian.
    Und liebe Laura, ich muss es auch mal öffentlich sagen: Ich freue mich so sehr, dass du immer auch auf mich verweist. Das rechne ich dir sehr hoch an. Ich sehe nämlich gar kein Problem darin, dass mehrere Menschen ein Thema bearbeiten. Das ist ja eigentlich immer so. Man stelle sich vor, es gäbe nur eine/n Klimaexperten/in, eine/n Kleinkindexperten, eine/n Ernährungsexperten/in.
    Wir greifen unsere Ideen und Gedanken auf und stricken sie jede/r weiter und am Ende erreichen wir vielleicht ganz viele und tragen so dazu bei, dass Mental Load besser geteilt wird.
    Deswegen: ganz viel Liebe und inhaltlich: volle Zustimmung!

  2. Fühle mich echt geehrt und geschmeichelt, hier in einer Reihe mit Laura, Nils, Patricia und dir genannt zu werden 🙂 Mental Load ist so ein wichtiges Thema für Partnerschaft mit gesellschaftlicher Relevanz! Es braucht echt mehr Väter, die darüber schreiben. Bin so gespannt auf die Bücher von Laura und Patricia und verfolge die Entwicklung aufgeregt. Danke, dass du das Thema sichtbar machst!

  3. Die zwei Gründe, was geändert werden muss, sind gut formuliert. Ganz genau: Männer müssen beim Job einfach mal Klar-Schiff machen. Ich kenne verschiedene Männer und verschiedene Jobs und da kann mir keiner erzählen, dass 90% der Jobstituationen so verfahren sind, dass da keinerlei Familienflexibilität möglich ist. Es ist 2019 und der nächste und übernächste Vorgesetzte sind selten die konservativsten Traditionalisten. Stattdessen sitzen da Leute in den 50ern, die sehr wohl wissen, was los ist. Ach ja, und mal Mut zu Änderungen haben und sich auf Kind und Familie freuen und den Kontakt und die Zeit suchen.

  4. Pingback:Marlene Hellene im Interview über Mental Load, Rollenbilder & Instagram

  5. Pingback:Patricia Cammarata: Interview über Mental Load, Mamablogs + Influencer

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