Regretting Fatherhood: Wann auch Väter ihre Elternschaft bereuen könnten – und wann nicht

Können Kinder unglücklich machen? Es gibt leider „gute“ Gründe und Ursachen dafür, warum nicht nur Mütter, sondern teilweise auch Väter die Familiengründung bereuen. Auswege und Lösungen sind schwer zu finden, weil sie selten im Privaten liegen. Ein Auszug meines Texts über „Regretting Fatherhood“ für das DadMag von „Men’s Health“.

Macht Spaß, aber auch viel Stress – zumindest, wenn man es ernst und aufrichtig und möglichst gleichberechtigt angehen will: Kinderhaben und Vater sein

Im Jahr 2015 veröffentlichte die israelische Soziologin Orna Donath eine Studie, die für Schlagzeilen sorgte: Für die Untersuchung mit dem Titel „Regretting Motherhood“ befragte Donath Frauen, die es anhaltend bereuen, Mutter geworden zu sein, und die Rolle als Mutter negativ erleben. Ungeachtet ihrer Gefühle und Begründungen schlug diesen Frauen eine Welle der übergriffigen Empörung entgegen: Muttersein sei ein Geschenk und der erfüllendste Job der Welt, wie könnten sie bloß so etwas über ihre Kinder sagen! Und überhaupt, heutzutage sei doch kaum noch wer gezwungen, Nachwuchs in die Welt zu setzen, wenn sie oder er nicht wolle! Was bei diesen Diskussionen oft unter den Tisch fiel: Fast keine dieser Frauen sagte aus, ihr Kind nicht zu lieben. Sondern dass sie an der Gesellschaft verzweifelten, in der sie sie erziehen müssen.

Der deutschsprachige Instagram-Account @regretting.motherhood will in dieser Hinsicht Aufklärungsarbeit leisten und Betroffenen einen Safe Space zum Austausch bieten. Auch dort heißt es: „Es handelt sich bei Regretting Motherhood nicht um die Ablehnung der Kinder an sich, sondern lediglich um die Ablehnung der Mutterschaft (und auch der Mutterrolle).“ Die Kritik zielt dabei vor allem auf Erwartungshaltungen ab: „Die herrschenden patriarchalen Ideologien der Mutterschaft definiert die Mutterliebe: Eine gute Mutter empfindet immer und in jeder Sekunde ihres Daseins nichts als reine Liebe und unverfälschte Freude für ihre Kinder. Dieser verbreitete Muttermythos besagt außerdem, dass eine Mutterschaft der Lebenszweck aller Frauen sei.“ Gemeint ist unter anderem der unerfüllbare und widersprüchliche Erwartungsdruck, gleichzeitig eine perfekte Mutter, eine perfekte Arbeitnehmerin, eine perfekte Ehefrau und eine perfekte Hausfrau zu sein – in einer Gesellschaft, die all das nicht zulässt und Frauen an den Pranger stellt, die versuchen, nur eines davon zu sein. Oder mehreres. Oder keines.

Mal abgesehen von den Typen, die nach einem One-Night-Stand Alimente zahlen müssen, drängt sich die Frage auf: Gibt es auch „Regretting Fatherhood“? Männer, die ihre Vaterschaft bereuen? Die Wissenschaft antwortet mit einem klaren Jein. Für eine Studie unter dem Namen „Regretting Parenthood“ befragte die Forschungsplattform YouGov.de Anfang 2022 mehr als 1000 Eltern zu Themen wie Kindererziehung während Corona und Kinder und Karriere. Wenig überraschend: Je jünger die Elternteile waren, desto häufiger gaben sie zu, keine Kinder mehr bekommen zu wollen, wenn sie sich nochmal entscheiden könnten. Im Durchschnitt stimmten – wie schon fünf Jahre zuvor – 20 Prozent dieser Hypothese zu. 56 Prozent der befragten Männer (und 51 Prozent der Frauen) konnten zudem nachvollziehen, dass es Mütter gibt, die ihre Mutterschaft bereuen. Über Väter wurde diese Frage nicht gestellt.

Die Journalistin und Autorin Heide Oestreich stellte schon 2016 einen großen Unterschied fest. In einem Zwischenruf für die Heinrich-Böll-Stiftung argumentierte sie, dass Väter, die die Familiengründung bereuen, schon deshalb kaum auffielen, weil ihre Vaterliebe nach wie vor als Glücksfall gelte. Ein distanzierter Vater sei zwar nicht erwünscht, gelte oft aber noch immer als „unvermeidliches Schicksal“. Oestreich erklärte: „Väter, die ihre Vaterschaft bereuen, könnten zum Beispiel mit der Ausrede „Papa muss arbeiten“ viel leichter als Mütter den Kontakt zu ihrer Familie reduzieren – oder gleich ganz abhauen und Mama als Alleinerziehende zurückzulassen.“ Oestreichs Fazit: „Männer können vor Rollenanforderungen fliehen, Frauen nicht. Männer brauchen ihre Vaterschaft gar nicht zu bereuen, sie können sie nämlich auf ein Minimum begrenzen.“

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