Ein paar Wahrheiten und Sorgen aus John Nivens „Alte Freunde“, die mir als Vater bekannt vorkommen

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John Niven arbeitet sich in seinem aktuellen Roman erneut an Sex, Drugs, Medienkritik, Kapitalismus, Freundschaft, seiner schottischen Heimat und an Familienrollen ab – leider bloß weit weniger bissig und überraschend als bei seinen Vorgängern. Eine Urlaubslektüre-Kritik.

Der ehemalige A&R-Manager und heutige Drehbuch- und Romanautor John Niven (Foto: Erik Weiss)

Der ehemalige A&R-Manager und heutige Drehbuch- und Romanautor John Niven (Foto: Erik Weiss)

Alte Freunde von John Niven

Cover ähnlich doof wie bei „Gott Bewahre“: „Alte Freunde“ von John Niven

Dass John Niven und ich alte Freunde seien, kann ich nur im übertragenen Sinne behaupten. Wie ein alter Bekannter kommt mir der schottische Autor allemal vor – seit seiner Kult gewordenen Musikindustriesatire „Kill Your Friends“ habe ich mit Ausnahme von „The Amateurs“ jedes seiner Bücher gerne gelesen. Vom fast genau so komischen und bissigen „The Second Coming“ („Gott Bewahre“) über den Thriller „Cold Hands“ („Das Gebot der Rache“) und die Rentnerpistole „The Sunshine Cruise Company“ („Old School“) bis hin zu „Straight White Male“. Ich habe sogar mal mit ihm telefoniert und ihn gefragt, wie ihm die Stimme von Bela B. gefällt und warum seine Bücher in Deutschland so gut laufen. Aber das nur am Rande.

Nun, im Sommerurlaub in Barcelona, habe ich was Verrücktes getan: Anders als an den anderen freien Abenden in den vergangenen vier Jahren, wenn die Kinder endlich im Bett lagen, habe ich nicht Netflix gebingt, sondern gelesen. Neben „Wiener Straße“ von Sven Regener, noch so ein gefühlter alter Bekannter, war endlich „Alte Freunde“ von Niven an der Reihe. Und was soll ich sagen? Auch diesen Roman habe ich gerne zu Ende gelesen. Obwohl er leider schwachbrüstiger als seine Vorgänger und seine Hauptfiguren war.

Alan Grainger ist ein gemachter Mann, der über 300 Seiten immer mehr Ähnlichkeiten mit einem tragischen Held im Aristotelischen Sinne aufweist. Aufgewachsen als unscheinbarer Mitläufer in einer einfachen Gegend, schreibt er heute als Gastrokritiker für diverse Zeitungen und Magazine, tritt im Fernsehen auf, geht in Londons besten Bars ein und aus und wohnt mit seiner Frau, Kolumnistin und Tochter aus sehr reichem Hause, und ihren drei Kindern in einer Villa in Buckinghamshire. Eines Tages trifft er seinen alten Schulfreund Craig Carmichael wieder. Der charismatische Craig war mit seiner Band The Rakes (nein, nicht die hier) kurzzeitig ein Rockstar – und lebt heute als Obdachloser auf der Straße. Grainger bietet seinem einstigen Kumpel nach ein paar Bier Schlafplatz und Duschgelegenheit an. Aus einem Wochenende werden Monate, aus dem gescheiterten Craig ein Familienfreund – und in Alans Berufs- und Privatleben ist „bald nichts mehr so, wie es war“, wie der Klappentext bereits verrät. Bis dieses „bald“ eintritt und die eigentliche Handlung von „Alte Freunde“ beginnt, dauert es aber 150 Seiten.

„Nichts ist widerwärtiger als das Glück anderer Leute.“ (F. Scott Fitzgerald, wie er in „Alte Freunde“ zitiert wird)

Neben den bei John Niven wiederkehrenden Themen Hedonismus, Sex, Drugs, Kapitalismus- und Medienkritik, Golf, Popmusik, Treue sowie Familie geht es in seinem aktuellen Roman um die Frage, wie viel Wahrheitsgehalt in der Redewendung „Jeder ist seines Glückes Schmied“ steckt, was im Leben Schicksal und was Zufall ist, wie sehr man den Jungen aus dem Dorf kriegt, das Dorf aber nicht aus dem Jungen, um die Frage, wie viel Erziehung und wie viel Erbgut einen Menschen ausmacht und darum, was Freundschaft bedeutet. Es geht auch um Neid und Missgunst, aber das wird trotz viel zu langer Exposition im ersten Teil viel zu früh klar: Craig ist nicht so dankbar, wie er tut.

Die Übersetzung von Stephan Glietsch macht dieses Gefühl von Oberflächlichkeit leider nicht wett: Wenn Alan zum Beispiel in Gegenwart seines alten Kumpels in tiefsten schottischen Slang verfällt, kann man in der deutschen Ausgabe naturgemäß nur erahnen, wie schwer der auch für Muttersprachler zu verstehen ist. Im Original verstünde man eventuell fast gar nichts – übersetzt aber klingen die Worte ähnlich gestelzt, als wenn jemand derbstes Berlinerisch in Oxford-Englisch übertragen würde. Nehme ich zumindest mal an.

Ein paar Seiten in John Nivens „Alte Freunde“, auf denen ich mich als Vater wiederfand

Wie schon in „Straight White Male“ findet man sich als lesender Vater auch bei „Alte Freunde“ in den Gedankengängen des Protagonisten wieder, auch wenn man glaubte, mit ihm und dessen Lifestyle so gar nichts gemein zu haben. Zum Beispiel auf den folgenden Seiten:

1. Mit der Geburt deines zweiten Kindes sterben auch die letzten Unterhaltungen zwischen Erwachsenen, die länger als einen Satz dauern.

2. Kinder wachen immer gleich früh auf, egal ob sie um 19 Uhr oder 23 Uhr ins Bett gehen.

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3. Es gilt heutzutage mindestens als bedenklich, deine Kinder auch nur für 50 Meter allein zum Nachbarhaus gehen zu lassen.

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4. Es wird viel zu schnell die Zeit kommen, in der deine Kinder kapieren, dass du kein allwissender und unumstößlicher Held bist.

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Es gibt in „Alte Freunde“ noch ein paar weitere Szenen, die Eltern (älterer Kinder) wohlbekannt vorkommen dürften. Dass es offenbar selbst Niven und schottischen Neureichen so geht wie mir, stimmte mich kurz milde und ließ mich auch über das schwache Ende hinwegsehen. Milder Spoiler: Schwach, weil die Klimax nach endlicher Handlungssteigerung auf drei Seiten abgehandelt wurde. Weil es keine wirkliche Wendung und entsprechend auch keine befriedigende Auflösung gab. Alles traf exakt so ein, wie es vorauszusehen war. Als ob Niven plötzlich der Platz ausgegangen wäre oder er eine schon gerissene Deadline nicht weiter ausreizen durfte.

Schade! Wäre doch auch denkbar gewesen, dass Craig aus ganz anderen Motiven handelt. Oder dass Niven entgegen seiner gelegten Fährte gar nicht auflöst, wer oder was Alan da so übel mitspielt – sein alter Freund oder vielleicht doch das Schicksal, der Zufall oder die Putzfrau?

Aber gut, so ist das mit alten Bekannten, die man stets schätzte. Lieber ein oberflächliches Lebenszeichen als gar keines, oder?

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