Sie heißen Tung Tung Tung Sahur oder Chimpanzini Bananini und fluten seit Monaten TikTok-Timelines und Gehirne: Sind sogenannte „Italian Brainrots“ harmlose Memes und Gaga-Ausgeburt von Internetkultur und KI-Slops – oder auch über den nächsten Dopaminkick hinaus gefährlich? Berater Florian Buschmann im „Tagesspiegel“-Interview über repetitive Reize, Eskapismus und den gesunden elterlichen Umgang mit der Smartphone-Nutzung ihrer Kinder. Hier die Langversion unseres Gesprächs.

Herr Buschmann, erklären Sie bitte Menschen, die keine Kinder zwischen sechs und sechzehn Jahren haben: Was zur Hölle sind Italian Brainrots?
Florian Buschmann: Italian Brainrots sind eine seit 2025 auf TikTok und anderen sozialen Netzwerken kursierende Mischung aus Tieren, Maschinen und einer künstlich generierten italienischen, teilweise deutschen, sehr kindlichen Sprache. Die niederschwelligen Wortfetzen in den sinnfreien und repetitiven Kurzclips prägen sich derart schnell ein, dass sich das Gehirn an ihnen festhält. Sie setzen sich wie ein Ohrwurm fest.
Als erstes und berühmtestes seiner Art gilt Tralalero Tralala, ein dreibeiniger Hai in Nike-Sneakern. Ballerina Cappuccina ist eine in Tutu tanzende Kaffeetasse. Harmloser Nonsens, oder?
In einigen dieser durchaus diskutablen Memes sind Beleidigungen, religiöse Ausdrücke oder Ressentiments mit eingewoben. Manche haben etwas Hitlerartiges. Das fliegende Bomber-Krokodil Bombardino Crocodilo soll eine Beschönigung des Gaza-Bombardements darstellen.
Eine Auslegung, die kein Kind darin erkennen wird. Sind junge Menschen die Hauptzielgruppe?
Den Erstellern dürfte egal sein, wer ihre mit wenigen Klicks generierten KI-Inhalte konsumiert. Hauptsache, sie verdienen Geld damit. Die Einnahmen entstehen über mehrere Wege. Diese werden durch die Plattform geboten, zum Beispiel durch Vergütung per View oder das Einbinden von Werbung. Je mehr Klicks und Aufmerksamkeit die Inhalte erzeugen, desto stärker greifen diese Möglichkeiten der Monetarisierung.
Das war eine weitere Neuheit: Weil die Memes von Beginn an KI-generiert waren, kann niemand ein Urheberrecht auf die Figuren anmelden – und Nutznießer sie auch auf T-Shirts und Sammelkarten drucken oder Stofftiere an Touristränden verkaufen. Was macht den Reiz dieser grotesken Wesen und den Cartoon-Clips aus?
Sie sind so dumm, dass sie wieder gut sind. Und sie haben Humor. Auf etwas derart Neuartiges, Absurdes und Einprägsames springt unser Gehirn aus purer Neugier an. Es will verstehen und wiederholt selbst Inhalte, bei denen es wenig zu verstehen gibt. Das Problem: Unser Hirn hat eigentlich eine implementierte Selbstkontrolle. Die wird über den Haufen geworfen, wenn zu viele krasse Reize auf einmal herein prasseln. Diesen Autoplay-Modus bemängelt die EU besonders bei TikTok zurecht.
Also sind die Social-Media-Plattformen und ihr addictive design das Problem, und nicht die Inhalte.
Das sehe ich anders. Wer diese reizstarken Videos erstellt und mit finanziellen Absichten in eine manipulative Umgebung wie TikTok hochlädt, trägt eine Mitverantwortung.
Trotzdem: Unabhängig von der Plattform ist ein Hai in Turnschuhen, anders als etwa offenkundig rassistische oder sexistische Videos, doch erstmal vergleichsweise wenig schädlich.
Gerade Grundschulkinder plappern Namen, Ausrufe oder lustig klingende Beleidigungen ohne Kontext nach. Sie unterhalten sich weit weg von normaler Sprache, die sie dadurch weniger stark erlernen. Es bedarf Aufklärung über Inhalte und Extremreize.
Früher wiederholten wir Bart Simpsons „Aye Caramba“-Ausruf oder die Einspieler aus Stefan Raabs „TV Total“. Liegt der Unterschied allein in der Frequenz und Verfügbarkeit?
Gegen Spaß wäre im Prinzip nichts zu sagen. Heute aber „brauchen“ wir diese krasse Reizvielfalt. Vereinzeltes reicht nicht mehr.
Der Begriff „Brainrot“ umschreibt die Verrottung unser aller Hirne durch Doomscrolling, KI-Slops und Social-Media-Sucht. Werden wir wirklich alle dümmer?
Es gibt Studien, die zeigen, dass ein hoher Konsum von Social Media mit negativen Affekten, zum Beispiel mit depressiven Zügen, assoziiert ist. Ich bin durch ihn nicht mehr bei mir, sondern im Außen. Ich lebe im Reiz statt in der Ruhe. Wenn ein Kind nach den Hausaufgaben TikTok schaut, rutscht das Gelernte in den Hintergrund. Andere Ohrwürmer dominieren. Demnach: Ja, Social Media kann dümmer machen.
Kinder eher als Erwachsene? Weil wir noch gelernt haben, dass es auch anders geht?
Die Eltern-Generation hat wunderbar gelernt, wie sie mit freier Zeit umgeht. Ohne die sofort verfügbare Ablenkung durch Smartphones stellte sich viel öfter die Frage: Wie kann ich aus mir heraus kreativ sein?
Italian Brainrots sind nicht die einzigen Memes, die sich in den Köpfen der Generation Alpha festsetzen. Es gab zum Beispiel noch „Skibibi Toilet“ oder das ebenfalls völlig bedeutungslose „Six, Seven“-Meme samt Ausruf. Sinnfrei, ja, aber auch dadaistisch!
Diese Generation definiert sich ein Stück weit über diese Form der Kommunikation. Ich sehe das in den Schulen. Sie hat es sich zu eigen gemacht, wie sich jede Generation Dinge mit ihrem eigenen Humor zu eigen machte. Das ist per se nichts Schlechtes.
Aber? Mein Sohn fragte mich neulich, ob ich nicht traurig darüber bin, so früh geboren worden zu sein. Weil es die heutigen Konsolen, Gadgets und Apps in meiner Jugend noch nicht gab. Ich antwortete wahrheitsgemäß: „Ich dachte, cooler als der Game Boy wird es nicht mehr werden.“
Mir sagen die Kinder in den Workshops teilweise das Gegenteil: Sie erkennen, dass Erwachsene teilweise mehr Kindheit hatten, als sie es heute haben. Frei von Medien. Echte Abenteuer. An der Tür klopfen statt WhatsApp nutzen. Das Internet kam mit der Vision, uns zu verbinden. Hat es das in der Endkonsequenz geschafft? Nähe wird suggeriert. Verbundener sind wir nicht.
Früher galt das das Internet als Ort der Wahrheit oder ihrer Findung. Heute als das Gegenteil. Mindestens aber als Rekrutierungsoption oder Propaganda-Werkzeug: Im Grundschul-Viralhit „Sigma Boy“ aus Russland etwa versteckte sich eine maskulinistische und sexistische Grundhaltung. In Brainrots in der Regel nicht.
Brainrots sind eine Form von Eskapismus. Unsere Gegenwart bringt viel Last mit sich. Alles hat Bedeutung. Wir sind eine leidtragende Gesellschaft geworden. Ein Brainrot, aber auch andere Kurzclips, suggerieren dem Hirn ein kurzes Aufatmen. Ich kann mal lachen und das Negative ausblenden. Wir fliehen vor Reizen mit Reizen.
Eskapismus als Auszeit ist ja nichts Schlimmes. Der ständige Dopaminkick aber bringt die exzessive Nutzung und Suchtendenzen mit sich, oder? Selbst beim Swipen beim Online-Dating.
Ja, wir sind dopaminabhängig. Dies führt zu oft zu wachsender Schnelligkeit und Oberfächlichkeit. Was ich zunehmend beobachte: Kinder suchen Reize durch Videos – und schauen sie dann gar nicht zu Ende. Dopamin wird vor allem dann ausgeschüttet, wenn wir etwas Positives erwarten. Weniger dann, wenn der eigentliche Prozess läuft. Es geht deshalb wirklich nur um den Kick. Nicht mehr um eine tiefere Erfüllung am Ende.
Auf dem „Italian Brainrot“-Hype basiert auch das extrem erfolgreiche Multiplayer-Online-Spiel „Steal A Brainrot“ auf der wegen Dark Patterns, Lootboxen, In-App-Käufen, scheinbar harmlosen Darstellungen von Gewalt und Missbrauch sowie anonymen Chatfunktionen umstrittenen Plattform Roblox.
Die krassesten Aggressionen, die ich aktuell in meiner Familienberatung erlebe, kommen von „Steal A Brainrot“. Manche Kinder haben dort locker mal heimlich 100 Euro „investiert“. Wenn ich vor einer Schulklasse bloß den Namen dieses Spiels oder von „Fortnite“ nenne, beobachte ich körperliche Reaktionen. Viele Kinder flippen aus. Schreien und springen herum. Haben sich nicht mehr im Griff. Schon der Gedanke daran aktiviert sie sofort. Mein krassestes Erlebnis in dieser Hinsicht war die Geschichte eines Schülers, der für diese Games 13.000 Euro von der Kreditkarte seiner Eltern abgezogen hat. Die hatten sich bis dahin offensichtlich nicht für seine Mediennutzung interessiert.
Was empfehlen Sie in oder nach diesen wütenden Momenten? Kalten Entzug?
Durchatmen, Luft holen. Zeit für sich nehmen. Mal nicht in jeder freien Minute auf TikTok sein.
Das ist leichter gesagt, als getan. Was sollen Eltern tun, die eine schädliche Mediennutzung bei ihren Kindern erkennen?
Miteinander reden wäre ein Anfang. Sie könnten sagen: „Hey, ich bemerke, wie sehr dich das beschäftigt und mache mir Sorgen. Wie geht es dir damit? Was glaubst du, was es mit dir macht?“ Anstatt die Verbotskeule auszupacken, sollten sie Fragen stellen. Wir bewerten dadurch nicht das Verhalten, sondern erforschen es gemeinsam. Das ist die höchste Form von Aufklärung. Sie schult Selbsterkenntnis.
Wenn da nicht noch der Gruppenzwang wäre.
Auch da hilft es, eine eindeutige Richtlinie zu haben. Eine Klarheit in der Botschaft: Nur weil alle anderen das haben, heißt es nicht, dass es auch für uns gut ist. Und: Wir begleiten dich, du bist nicht alleine.
„Wer den Spielplatz baut, muss auch für die Sicherheit sorgen.“
Sind Sie trotzdem für das gerade viel diskutierte Social-Media-Verbot bis 16?
Da bin ich zweigeteilt. Verbote klingen nach einer einfachen Lösung. In Australien aber werden die Sperren zunehmend umgangen. Kinder malen sich Schnurrbärte zur Gesichtserkennung an. Sie geben älteren Menschen Geld, damit die deren Account freigeben. Da hat sich ein Markt entwickelt. Ohne parallele Aufklärung führt Aktivismus ins Leere und Verbote werden attraktiver. Eine rote Ampel hingegen ist für kein Kind attraktiv, weil es ihren Sinn und die Folgen bei Nichtbeachtung versteht.
Sollte nicht zuerst die Plattformen strenger reglementiert werden?
Auf jeden Fall. Wer den Spielplatz baut, muss auch für die Sicherheit sorgen. Gleichzeitig hat auf TikTok bis zum 14. Lebensjahr wirklich niemand etwas verloren.
Bei allem Pessimismus: Welche positiven Seiten bringt die Beschäftigung mit Memes wie den „Italian Brainrots“ mit sich?
Das Gute daran ist: Wenn es mir schlecht geht, habe ich ein kurzes Aufatmen. Sie schaffen Gemeinschaft. Alle kennen das und sprechen darüber. Und: Solche Memes sind trotz allem eine Form von Kunst und Kreativität.
Als Erwachsener hilft mir zum kurzfristigen Durchatmen und Ablenken auch eine Zigarette oder ein Bier. Langfristig beziehungsweise in höheren Dosen schadet mir beides.
Deswegen müssen die Plattformen auch ihr Design verändern. Dessen Suchtfaktor erschafft diese ungesunde Menge.
Ist der nächste Trend schon absehbar?
Die Epstein-Files sind für mich ein richtig krankhafter Trend.
Inwiefern?
Die Beschäftigung damit funktioniert wie ein Brainrot. Der starke Reiz prägt sich in unseren Köpfen ein. Wir wiederholen die Gedanken an das dort Passierte ihn immer wieder. TikTok ist voll vom Thema Epstein-Files. Kontext und Hintergrundinformation fehlen oft. Dabei geht es nicht um eine Verharmlosung, sondern um den Schutz unseres Wohlergehens.
Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
In einer Schule habe ich mal über Missbrauch im Internet gesprochen. Plötzlich fielen mir die Augen heraus: Ein zwölfjähriger Junge haute raus, dass es sein Traum sei, eine Epstein-Party zu veranstalten. Später, nachdem er sich informiert hatte, revidierte er diese Aussage. Aber sie zeigte: Das Thema hatte sich bei ihm festgesetzt, seine Gedanken kreisten dort herum. Durch eine Dauerbeschallung kommt unser Gehirn nie zur Ruhe. Wir sind ständig im Außen, aber nicht bei uns selbst.
Wie finden Eltern einen möglichst gesunden Umgang mit dem Medienkonsum ihrer Kinder?
Ich empfehle Erwachsenen, den Druck rauszunehmen und auf die eigenen Ressourcen zu schauen. Die Dauer des Medienkonsums allein ist nicht entscheidend. Der Inhalt ist unfassbar relevant. Was machen die Kinder dort? Es braucht Begleitung und Kommunikation auf einem authentischen Level. Ein plattes Verbot ohne gleichzeitige Aufklärung ist das Schlimmste, was ich machen kann.
Helfen technische Bildschirmzeitkontrollen?
Kein Kind hat die kognitive Fähigkeit zu sagen: „In einer halben Stunde schalte ich selbstständig aus“. Gerade deshalb brauchen sie Begleitung. Kommunizierte Begrenzungen helfen. Mehr aber noch hilft es, mindestens einmal pro Woche mit dem eigenen Kind darüber zu sprechen und zu reflektieren, wie die Medienzeit lief, was es so gesehen hat.
Als Schüler waren Sie selbst mehrere Jahre von exzessiver Mediennutzung betroffen. Wie machte sich das bemerkbar?
Ich habe selbst bis zu 16 Stunden am Tag Computer gespielt. Games wie „Fifa“, „Die Stämme“ und „Warface“. Habe Passwörter herausgefunden, mich nachts an den Rechner gesetzt und mich am nächsten Morgen krank gemeldet. Zur Ursache gehörten krasse Kindheitserfahrungen. Als ich 13 war, trennten sich meine Eltern und stritten ständig. Mein Opa starb. Etliche Lebensereignisse rissen mir den Boden unter den Füßen weg. Ich floh danach in eine virtuelle, scheinbar heile Welt, die mir Stabilität gab. Einen Vorwurf mache ich meinen Eltern trotzdem nicht. Ich liebe sie, sie wussten es in dem Moment nicht besser. Aber es wäre schön gewesen, wenn Papa oder Mama mich mal in den Arm genommen und gefragt hätten, wie es mir gerade geht.
Wie kamen Sie vom Bildschirm los?
In der neunten Klasse habe ich an einem Schüleraustausch nach Rumänien teilgenommen und tolle Erfahrungen gemacht. Wir sprangen auf Pferdekutschen auf und fuhren mit. Wir sind mit Hunden um die Wette gerannt. Wir saßen am Lagerfeuer. Auf der Rückfahrt erklärte mir ein Kumpel, er habe aufgehört zu zocken. Ich habe ihn total gefeiert – und fiel zuhause trotzdem wieder in das Medienloch. Mein Vater drohte damit, mir alles wegzunehmen. Innerlich wünschte ich mir, dass er es wirklich tut. Mir selbst fehlte die Freiheit, nein zu sagen. Ich erkannte, dass ich wie ein Sklave in digitalen Fesseln bin und nur jetzt eine Chance habe.
Haben Sie die Spiele gelöscht oder den Computer komplett verbannt?
90 Tage spielte ich gar nicht. Radikal war das. Danach zockte ich nochmal mit Freunden. Machte mir aber keinen Spaß mehr. Inzwischen habe ich seit über sieben Jahren gar nicht mehr gespielt. Das Interesse fehlt. Was soll mir ein Spiel geben, was mir mein echtes Leben nicht geben kann?
Wenn Sie Kinder hätten: Wie würden Sie die heute Social Media, Smartphones und Computer nutzen lassen?
Ich würde eine klare Linie fahren. Eine Nutzung frühestens gemäß der Altersempfehlungen erlauben. Und dann gemeinsam durchscrollen und die Risiken betrachten. Zum Beispiel durch ein Experiment wie: „Lass uns mal als Mia, 14 Jahre alt, auf dieser Plattform ausgeben. Und dann gucken wir mal, wer dich alles anschreibt.“
ZUR PERSON:

Florian Buschmann (24) studierte Psychologie (B.A.). Als Berater und Experte hält er Vorträge und Workshops in Schulen. 2021 gründete er das Präventions-Projekt „Offline-Helden“. Als Jugendlicher war er selbst von exzessiver Medien- und Computerspielnutzung betroffen. Er lebt in Dresden.
Was sind „Italian Brainrots“?
„Italian Brainrots“ bezeichnet einen Internet-Trend, der seit 2025 vor allem auf Kurzvideo-Plattformen wie TikTok verbreitet ist. Gemeint sind meist KI-generierte Figuren oder Clips mit pseudo-italienisch klingenden Fantasienamen, übersteigerter Opern-Dramatik, starkem Akzent und bewusst sinnfreien Monologen. Der Begriff „Brainrot“ („Gehirnfäule“) ist ironisch gemeint. Er beschreibt Inhalte, die so überdreht, repetitiv und reizintensiv sind, dass sie sich im Kopf festsetzen – trotz oder gerade wegen ihrer inhaltlichen Belanglosigkeit. Medienpsychologisch gelten solche Formate weniger wegen ihres Inhalts als wegen ihrer Machart als relevant: Schnelle Schnitte, starke Reize und algorithmische Verstärkung können insbesondere bei Kindern und Jugendlichen zu intensiver Nutzung führen.
+++ Dieses Interview ist in gekürzter Form im März 2026 auf Tagesspiegel.de erschienen. +++
