Mit Vorurteilen im Kinderabteil

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Was ganz gut gegen Angst vor Fremden hilft ist, ihnen einfach zu begegnen: Über die Überwindung sprachlicher Barrieren während einer Bahnfahrt mit Kind.

Das ist nur ein kleiner Teil des Spielzeugs der Jungs, die wir auf einer Bahnfahrt trafen.

Elliott! Das ist nur ein kleiner Teil des Spielzeugs der Jungs, die wir auf einer Bahnfahrt trafen.

Duisburger Hauptbahnhof, Gleis 13, 08:09 Uhr. In letzter Sekunde hechten wir – Kid A, meine Frau und ich – in den ICE nach Berlin. Auf zum Kinderabteil in Wagen 24, in dem wir zwei Plätze reserviert haben. So ein Abteil hat nämlich den Vorteil, dass… Oh, besetzt. Im Halbdunkel sitzt bereits eine sechsköpfige Familie, die auf den ersten Blick fremder erscheint als andere fremde Familien, die man so auf Bahnfahrten trifft. Womöglich sind sie auf der Flucht, vielleicht aus Syrien, vielleicht sind sie aber bloß auf Reisen. So düster, wie sie dreingucken, sehen jedenfalls weder die Eltern noch die Söhne zwischen 8 und 28 aus, als ob sie Platz machen wollten.

„Entschuldigung, aber wir haben reserviert“, sage ich möglichst freundlich und ernte leere Blicke. Sie verstehen dennoch, verziehen keine Miene und rücken näher zusammen. Stille. Bedrückende Stimmung. Draußen Nebel überm Ruhrgebiet, drinnen Licht kaputt. der Älteste uns gegenüber schaut regungslos aus dem Fenster, der vielleicht Elfjährige hat die Kapuze so tief ins Gesicht gezogen, dass er aussieht wie Altaïr Ibn-La’Ahad aus „Assassin’s Creed“, plötzliche Übergriffshandlungen nicht ausgeschlossen. Überall Rucksäcke und Plastiktüten. Der Kleine schläft auf dem Boden, wer weiß, wann er das letzte Mal ein warmes Bett gesehen hat. Selbst die Eltern wechseln nur das Nötigste an Worten. Arabische Wörter, soviel verstehe ich. Keine Ahnung, wie lange sie schon auf Reisen sind, woher sie kommen und wohin sie wollen. Eigentlich ach so weltoffen, erwische ich mich selbst dabei, wie ich eine Sekunde nachschaue, ob ich Jacke und Tasche sicher in der Ablage verstaut habe und schäme mich dafür.

Das Eis bricht ganz langsam, als Kid A sein eigenes Bilderbuch kommentiert. Dem Großen vor uns entwischt ein vorsichtiges Lächeln. Puh, doch nur ein Mensch. Nach einer sehr schweigsamen halben Stunde sind es nicht wir, die sich einen Versuch von Kommunikation trauen, sondern die Mutter der Familie. Sie stellt uns eine Frage, von der wir leider kein Wort verstehen. „Hannover“ und „Uhr“ hören wir auf Nachfrage mit Händen und Füßen heraus, und mithilfe des Reiseplans veranschauliche ich ihr halbwegs, dass erst noch Hamm und Bielefeld vor uns liegen. Sie bedankt sich mit einem Lächeln, das in jeder Sprache verständlich ist.

Schließlich sind es, wie immer, die Kinder, die sich trauen. Mit seinen zwei Jahren muss Kid A selbst für den Achtjährigen wie ein Baby wirken – entsprechend fürsorglich und wie große Brüder legen sie ihm aber ihr Spielzeug nahe. Ein paar Autos, ein Elefant, sogar Elliott, das Schmunzelmonster. Laduan und Mohammed – so ihre auf Nachfrage erfahrenen Namen in meiner Erinnerung – bauen diese Sachen auf dem Abteiltisch auf, als wären sie ihr ganzer Stolz, vermutlich sind sie das sogar. Kid A ist so amüsiert wie abgelenkt und flitzt nach ein paar Minuten raus um die anderen Waggons zu inspizieren.

Als wir nach 15 Minuten wiederkommen, traue ich meinen Augen kaum: Meine Frau sitzt immer noch da und „spielt“ mit den Gummitieren der Jungs, nur sind es mittlerweile nicht mehr nur 5, sondern eine ganze Armada. Der Tisch ist voll von ihnen. So wie meine Frau die Tiere mit ihren deutschen Namen benennt, so ausdauernd verraten ihr Laduan und Mohammed die arabischen Bezeichnungen. Natürlich versteht und behält sie kein Wort. Aber den Vornamen von Kid A, den schreiben uns die Jungs auf arabisch auf. Die haben ja doch ganz schön viel Spielzeug, möchte man meinen – falls das aber alles ist, was sie überhaupt besitzen, ist das natürlich trotzdem wenig.

Bevor die Familie Sack und Pack zusammenpackt, reicht die Mutter uns eine Tüte mit Süßigkeiten. Sie schenkt uns Schokoriegel, Bonbons und sogar ein altes Stofftier für Kid A, sie besteht darauf. Innerlich beschämt bedanken wir uns, nehmen die Geschenke an und geben ihnen umgekehrt das Bauernhof-Bilderbuch mit Kurzgeschichten mit. Die Jungs sind dafür eigentlich schon zu groß, aber die Geste zählt doch.

Wo die nach wie vor fremde Familie herkam und was sie nach Hannover trieb, weiß ich immer noch nicht. Dafür, wie kleingeistig es ist, aus purer Angst und schmerzhaft dummem Glauben, das vermeintlich Fremde wäre eine Gefahr des Bewährten“ eigene Vorurteile nicht zu erkennen und Menschen nicht begegnen zu wollen.

Aber klar, verachtete PEGIDA-Anhänger, AfD-Wähler, besorgte Bürger und Hasskommentatoren, eines hätte ich fast vergessen: DIE wollen uns ja nur unsere Arbeit und unser Geld wegnehmen und Terroranschläge verüben!

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